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Das interdisziplinäre Business-Weblog UnternehmensGeist steht allen offen, die sich mit Fragen rund um das Verhältnis von Geistes- und Sozialwissenschaften und betriebswirtschaftlichem Management beschäftigen wollen. Eigene Beiträge und Kommentare sind jederzeit willkommen. Herausgeber und ViSdP ist Frank Walzel. Kontakt: walzel@unternehmensgeist.net

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GeistesWissenSchaft

Dienstag, 31. Oktober 2006

Vom "exotischen" Soziologen zum "echten" Unternehmensberater

Orchideen und geistes-/sozialwissenschaftliche Fächer haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind exotisch und erfreuen den Menschen. Das schien findige Zeitgenossen in der Wirtschaft auf die Idee gebracht zu haben, von "Orchideenfächern" und "Exoten" zu sprechen, wenn sie Absolventen der Anglistik oder Soziologie vor sich hatten. Nun, vielleicht setzt ja ein Umdenken ein, wenn sie von "exotischen" Unternehmensberatungen wüssten!

Einen guten Ruf genießt in Deutschland das Management Zentrum Witten. Als Ausgründung der privaten Universität Witten/Herdecke berät es seit sechs Jahren Unternehmen aber auch Organisationen im Non-Profit-Bereich. Ihre Arbeit begreift die Gruppe um Dirk Baecker, Fritz B. Simon und Rudi Wimmer eher als "Abfallprodukt der Forschung". Mit ein wenig mehr unternehmerischen Ehrgeiz geht die Unternehmensberatung osb International Consulting AG ans Werk. Sie unterhält neben ihrem Hauptsitz Berlin zwei Standorte in Tübingen und Wien, die aus dem Zusammenschluss der OSB (Berlin) mit der Gesellschaft für Systemische Organisationsberatung (Wien) und der kdw Management Consulting GmbH (Tübingen) herrühren. Eine oberflächliche Suche bei Google ergab, dass sich noch viele andere Beratungen auf dem Markt tummeln (keine Gewähr auf Vollständigkeit):

http://www.systemische-unternehmensberatung-und-coaching.de/
http://www.sticha.de/
http://www.insys-in.de/
http://www.ontus.de/
http://www.bentner.de/
http://www.systemische-unternehmensberatung.com/

In der Schweiz und Österreich sieht die Beraterlandschaft ähnlich aus, wenn nicht sogar ein wenig umfangreicher (Schwerpunkte in Wien und St. Gallen).

Wer kann da noch von "Orchideenfächern" und "Exoten" sprechen?!

Montag, 5. Juni 2006

"Erzähl' doch mal!" Wie sich Geisteswissenschaftler in Unternehmen hineinhören

Durch den Tipp einer UnternehmensGeist-Leserin wurde ich auf die Methode des "Storytelling" aufmerksam. Eigentlich glaubte ich, der Zug für geisteswissenschaftliche "Tools" in der Wirtschaft sei schon abgefahren, aber ein FAZ-Artikel und Bücher zum Thema (hier und hier) haben mich eines Besseren belehrt. Es bedarf eben immer einer kleinen geschäftstüchtigen Gruppe (im FAZ-Artikel ist es die Beratergruppe "System und Kommunikation"), die für die ehemaligen Kommilitonen die Bresche schlägt. Jetzt gilt es die Methoden des Storytelling weiter zu verfeinern und auszubauen. Wenn dadurch der ein oder andere "Exot" auf den Plan gerufen wird, weitere Methoden aus seinem Studium in der Wirtschaft auszuprobieren, sind wir auf einem guten Weg verlorenes Selbstvertrauen zurückzugewinnen.

Donnerstag, 1. Juni 2006

Mindmap zur systemischen Gedankenwelt

Gerade eine so schwierige Materie wie die systemische Gedankenwelt lässt sich nur schwer überblicken. Die Mindmap von Ragnar Heil hilft da weiter.

Systems-Thinking

Eine größere Darstellung dieser Übersicht findet sich bei www.systems-thinking.de.

Freitag, 5. Mai 2006

Pimp the humanities! Die Reform des geisteswissenschaftlichen Studiums in Deutschland

Was haben wir nicht alle das deutsche geisteswissenschaftliche Studium als therapieunfähig abgestempelt oder uns mit dem Ist-Zustand abgefunden. Doch das soll in Zukunft anders werden. Neben dem Bologna-Prozess machen sich kluge Menschen Gedanken über die Zukunft dieser wichtigen Fächer. Ein (ziemlich) kompakter Artikel zur Thematik fand ich auf dem Server von historicum.net. Am Rande sei bemerkt, dass es sich hier um eine Premiere für UnternehmensGeist handelt : Als erster Artikel enthält dieser Beitrag Endnoten!

Ach ja, wo wir schon bei der Frage der Zitierweise sind, hier die korrekte Angabe der Quelle:

Buch,Florian/Schmitt, Tassilo: Die neuen Studiengänge und der Arbeitsmarkt. Überlegungen zur Einführung der konsekutiven Studienstruktur in den Geisteswissenschaften, in: zeitenblicke 4 (2005), Nr. 1, [09.03.2005].

Die neuen Studiengänge und der Arbeitsmarkt.
Überlegungen zur Einführung der konsekutiven Studienstruktur in den Geisteswissenschaften


Abstract

Die Einführung der konsekutiven Studienstruktur schreitet auch in den Geisteswissenschaften voran. Gerade angesichts immer wieder geäußerter Skepsis mit Blick auf die neuen Studiengänge ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass die bisherigen Magister- und Staatsexamensstudiengänge einen durchaus erheblichen Reformbedarf aufgewiesen haben. Lange Studiendauer, hohe Abbrecherzahlen und ein insbesondere auch von den Studierenden selbst monierter mangelnder Berufsfeldbezug sind hier vor allem zu nennen. Hier können die neuen Studiengänge zu erheblichen Verbesserungen führen. Vor allem die Berufsfeldbezogenheit kann und muss gestärkt werden. Studiengänge sollten bewusst geplant werden, wobei entscheidender Blickwinkel sein sollte, was die Funktion bestimmter Ausbildungsbestandteile mit Blick auf einen outputorientierten Lernzielkatalog ist. Die Integration der Vermittlung praxisorienterter Kompetenzen in die fachwissenschaftlich ausgerichteten Veranstaltungen ist dabei zentral. Wichtig sind aber auch eine entsprechende Dokumentation und ein entsprechendes Marketing geisteswissenschaftlicher Studiengänge. Dies und die Lösung der übrigen genannten Probleme der bisherigen Studiengänge sind nicht allein für die Absolventen von hoher Bedeutung, sondern auch für die Zukunft der geisteswissenschaftlichen Fächer an den Hochschulen. Ein Teil der Skepsis vor allem gegenüber dem Bachelor scheint zudem nicht unbedingt begründet: Erste Erhebungen zeigen, dass die neuen Studiengänge zu Abschlüssen führen, die vom Arbeitsmarkt akzeptiert werden.

Zur Lage

<1>
Die Umstellung auf die konsekutiven Studiengänge in Deutschland schreitet voran. Mit Blick auf den Bologna-Prozess, der die Herstellung eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes zum Ziel hat, haben die deutschen Hochschulen hier schon jetzt eine beträchtliche Reformleistung erbracht. [1] Hohem Engagement und einer beträchtlichen Kreativität stehen aber auch Skepsis und Verunsicherung gegenüber. Gerade auch im Bereich der Geisteswissenschaften gibt es beträchtliche Zweifel am Sinn der Einführung von Bachelor und Master und den hiermit verbundenen Veränderungen. Dabei wird die Diskussion über die neuen Studiengänge auch in den Geisteswissenschaften nicht selten so geführt, als sei ein bestens funktionierendes System ohne Not aufgegeben worden. Ob diese Annahme zutrifft, ist indes in hohem Maße fraglich. Auch wenn die bisherige Studienstruktur mit dem Abschluss Magister bzw. Staatsexamen und einer insgesamt sehr freien bzw. relativ unstrukturierten Gestaltung des Studiums durchaus ihre Stärken besitzt, hat sie auch ihre erheblichen Schwächen. Diese lassen sich sowohl in quantitativer, als auch in qualitativer Hinsicht feststellen. Dies soll in einem ersten Schritt verdeutlicht werden. Sodann sollen eine Reihe von Hinweisen für künftige Gestaltungen gegeben werden, wobei der Frage besondere Bedeutung zukommt, was getan werden kann, um die Etablierung von Absolventen auf dem Arbeitsmarkt zu erleichtern.
Defizite der bisherigen geisteswissenschaftlichen Ausbildung

<2>
Hinsichtlich der Studieninhalte ist von Studierenden bzw. Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge immer wieder auf erhebliche Defizite hingewiesen worden. Im Rahmen einer umfassenden Erhebung haben Frank Multrus, Tino Bargel und Bettina Leitow zusammenfassend festgestellt: "Studierende der Geisteswissenschaften vermissen rückblickend am meisten die Vermittlung von soliden wissenschaftlichen Basiskenntnissen und kommunikativen Schlüsselfähigkeiten, etwa zu fachübergreifendem Denken. Beklagt werden auch die fehlenden Beziehungen zum Beschäftigungssystem und eine mangelhafte Berufsorientierung des Studiums." [2] Zwar wünschen sich nicht nur Geisteswissenschaftler, sondern auch die Absolventen anderer Fachrichtungen im Nachhinein bessere Arbeitsmarktchancen. Eine deutliche Sprache spricht aber die Tatsache, dass dieser Wunsch von 67 aller Geisteswissenschaftler und sogar 69 Prozent der Historiker geäußert wird, während es im Durchschnitt aller Fächer lediglich 51 Prozent sind. Immerhin 55 Prozent der Geisteswissenschaftler wünschen sich ganz ausdrücklich, dass ihr Studium einen stärkeren Praxisbezug gehabt hätte. Gefordert werden zudem kleinere Lerngruppen und eine bessere Betreuung. Soweit zunächst zu einigen Bewertungen aus der Sicht von Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer.

<3>
Auch die quantitativen Daten zeigen deutlich, dass die bisherige Ausbildung von Geisteswissenschaftlern erhebliche Defizite aufgewiesen hat. Neben einer durchschnittlichen Studiendauer von 12 Semestern, die an manchen Orten noch einmal beträchtlich übertroffen wird, sind es vor allem hohe Abbrecherquoten, die die strukturellen Probleme dieser Studiengänge zeigen. [3] Den Diagnosen der mangelnden Berufsfeldorientierung entsprechend, ist die Etablierung der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt oftmals langwierig und von erheblichen Frustrationserfahrungen begleitet. [4] Nüchtern hat Martin Spiewak in der Wochenzeitung DIE ZEIT mit Blick auf Absolventen von Magisterstudiengängen festgestellt: "Einen Einstieg in einen Beruf außerhalb von Schule und Hochschule bietet dieser Abschluss nicht". [5] Dabei könnte man noch anmerken, dass es für Absolventen von Magisterstudiengängen auch mit dem Einstieg in die Schullaufbahn seine erheblichen Schwierigkeiten hat. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Studiendauer, Studienerfolgsquote und mangelnder Praxisbezug es sind, die einen Umbau der bisherigen Ausbildung rechtfertigen.

<4>
Auf Kritik dieser Art wird gleichwohl nicht selten mit Reaktionsmustern geantwortet, die Besorgnisse wecken müssen. So wird nicht selten darauf beharrt, dass doch alles in Ordnung sei und sich über Jahrzehnte bewährt habe. Eine Kritik an der mangelnden Berufsfähigkeit der Absolventen wird mit Kritik an einer wissenschaftlich anspruchsvollen Ausbildung gleichgesetzt und es wird in hochschulpolitischer Hinsicht darauf verwiesen, dass die Geisteswissenschaften als Verwalter des kulturellen Erbes unserer Gesellschaft über die Rechtfertigung ihrer Existenz und über die Begründung einer Beanspruchung von Ressourcen erhaben seien. Überzeugen können diese Reaktionsmuster indes nicht. [6] Sie sind weder den Absolventen gegenüber, noch in Hinblick auf die Zukunft der eigenen Wissenschaft von Verantwortlichkeit gekennzeichnet.

<5>
Angesichts knapper Kassen und steigender Leistungsorientierung im Wissenschaftsbereich kann nicht einfach davon ausgegangen werden, dass die Geisteswissenschaftler der Rechtfertigung ihrer Existenz und der Sicherung und Verbesserung der Qualität ihrer Angebote enthoben seien. Die 'Gefahren' liegen nicht nur in der immer wieder beklagten abnehmenden Deutungsmacht der Geisteswissenschaften in der Gesellschaft, sondern sie liegen auch im schlechten Abschneiden der Geisteswissenschaften mit Blick auf jene Steuerungssysteme, die derzeit an den Hochschulen etabliert werden, und die sehr genau nach den Ergebnissen von Ressourceninvestitionen fragen. Die Zahlen der Studierenden, der Studierenden in der Regelstudienzeit und der Absolventen etwa sind wichtige Bestandteile zeitgemäßer Steuerungsmodelle und es ist nicht auszuschließen (und wäre ja auch fraglos sinnvoll), dass auch der Absolventenverbleib in wachsendem Maße in die Leistungsbewertung einbezogen werden wird. Gerade mit Blick auf künftige Studiengebühren und eine einkommensabhängige Darlehensrückzahlung wird dieser Frage noch einmal eine ganz neue Bedeutung zukommen.

Die Ziele der Reform

<6>
Mit der Frage, wie eine verbesserte Studienstruktur aussehen sollte, hat sich auch der Wissenschaftsrat lange und intensiv auseinandergesetzt. [7] Im Rahmen seiner Empfehlungen zur Umstellung auf die konsekutive Studienstruktur hat er hierfür eine Reihe von Ansprüchen formuliert. Er empfiehlt:

- stärkere Differenzierung der Studiengänge;
- besser strukturierte Curricula;
- neue Formen des Lernens und Lehrens;
- stärkere Integration von Schlüsselqualifikationen;
- Erhöhung der fächerübergreifenden Lehrangebote;
- Verstärkung der integrierten Auslandsstudien;
- stärkere Betonung praktischer Studienphasen.

<7>
Diese Ziele werden nicht alleine vom Wissenschaftsrat als wichtig angesehen. Sondern es haben zum Beispiel auch die Juroren eines Wettbewerbs des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft Studiengänge dann als besonders gut beurteilt, wenn sie Transdisziplinarität, Internationalität, Strukturiertheit, Straffheit, Übertragbarkeit und eine klare Beschreibung der Berufsfeldbezogenheit aufweisen. [8] Für diese Ziele sprechen einerseits Gründe des Praxisbezugs und der Erhöhung der Flexibilität von Absolventen, sodann aber zumindest zum Teil auch wissenschaftstheoretische Argumente. So sieht der Konstanzer Wissenschaftsphilosoph Jürgen Mittelstraß die Rolle der Geisteswissenschaften in der 'Universität der Zukunft' als von ihrer Fähigkeit abhängig an, fachliche Partikularitäten zu durchbrechen und zu einem problemorientierten Verständnis der untersuchten Phänomene zu gelangen. Innovation, so erläutert er, verlange Interdisziplinarität. [9] Dabei ist der Zusammenhang zwischen Praxis- und Problemorientierung nicht nur mit Blick auf die Wissenschaft von Interesse, sondern wäre auch aus Sicht der 'Betroffenen' erwünscht. So haben Studierende verschiedener Fachrichtungen im Rahmen eines vom Centrum für Hochschulentwicklung veranstalteten Workshops verdeutlicht, wie sie sich einen engeren Zusammenhang von Praxis- und Problemorientierung vorstellen, und welches aus Ihrer Sicht hierzu geeignete Lehr- und Lernformen sein könnten. Auch sie wollen, dass sich das Angebot an Lehrveranstaltungen verstärkt nach der so ausgerichteten Nachfrage richtet. [10]

<8>
Aber mehr noch: Es geht im Zuge der Einführung der konsekutiven Studiengänge auch darum, die betreffenden Disziplinen überlebens- und zukunftsfähig zu machen. Ziele sind dabei nicht nur das Abstellen von Defiziten und 'Gefahrenabwehr'. Hinzu kommen die übrigen Anliegen der Einführung der konsekutiven Studienstruktur, die als Chancen begriffen werden sollten: die internationale Anschlussfähigkeit der Studiengänge durch international anerkannte Abschlüsse und ein international kompatibles Leistungspunktesystem, die Modularisierung von Studieninhalten, die Verbesserung der Betreuungsverhältnisse, die Stufung der Studiengänge zur flexibleren Gestaltung von Berufs- und Ausbildungsbiographien im Sinne des Leitbildes eines "lebenslangen Lernens". Auch eine Entschlackung und Aktualisierung der Lehrpläne und Studienordnungen erscheint möglich.

Chancen und Risiken

<9>
Der Wissenschaftsrat hat aber nicht nur die qualitativen Defizite im Bereich der geisteswissenschaftlichen Fächer relativ umfassend adressiert, er hat zugleich implizit verdeutlicht, welche Chancen diese Fakultäten besitzen, wenn sie die Umstellung auf die konsekutive Studienstruktur zu einer umfassenden Reform nutzen. Eine verstärkte Planung und Strukturierung kann im Bereich der Bachelor- und der Masterphase zu einer Senkung der Abbrecherquoten beitragen, und zwar insbesondere dann, wenn ein studienbegleitendes Prüfungswesen konsequent verwirklicht wird. Interdisziplinarität kann außer der Lehre auch der Forschung neue Impulse geben. Zudem kann die Neugestaltung von Studiengängen zu einer neuen inhaltlichen Kohärenz des Curriculums führen, für die die Verantwortung bislang bei dem bzw. der einzelnen Studierenden gelegen hat. Die Modularisierung von Studieninhalten erfordert dabei, dass die Lehrenden sich nicht als 'Einzelkämpfer', sondern als 'Mannschaftsspieler' verstehen sollen, was Ihnen nicht nur bei der Planung der Lehre neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen dürfte.

<10>
Kein Licht ohne Schatten: Auch gewisser Risiken bei der Umstellung auf die gestuften Studiengänge sollte man sich bewusst sein, um ihnen entgegensteuern zu können. So droht durchaus die Gefahr, dass Bachelorstudiengänge zu einem 'Studium light' im Vergleich zur bisherigen wissenschaftlichen Ausbildung werden, wenn nicht eine tatsächliche Neukonzeption, eine wirkliche Straffung und Fokussierung jeweils klar zu bestimmender Kerninhalte mit der Verkürzung der Studiendauer Hand in Hand geht. Mit einer bloßen Umetikettierung der bisherigen Zwischenprüfung in eine Bachelorprüfung ist dies natürlich nicht zu schaffen. Eine konsequente Verwirklichung der Leitidee der konsekutiven Studienstruktur ist hierzu erforderlich. Dabei ist das Spannungsverhältnis zwischen der Notwendigkeit der Reduktion von Studieninhalten einerseits und von einer zunehmenden inhaltlichen Komplexität und Entgrenzung andererseits gerade im Bereich der Geschichtswissenschaft deutlich erkennbar. 'Exemplarisches lernen' ist indes kein neuer Anspruch, sondern war schon immer erforderlich, um der Fülle Herr zu werden. Unterschiedlich profilierte Angebote können unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund rücken.

<11>
Eine tatsächlich durchdachte strukturelle und inhaltliche Planung der Studiengänge erfordert zudem, dass ihnen definierte Lern- und Ausbildungsziele gegeben werden müssen. Eine solche umfassende Formulierung der Ziele ist gerade für die Geisteswissenschaften besonders wichtig, aber auch besonders neuartig und daher anspruchsvoll. Die Verkürzung der Studiengänge bringt aber noch andere Schwierigkeiten mit sich. Die Straffung senkt zwar Abbrecherquoten und Studienzeit, kann aber natürlich auch zum Verlust von Freiräumen führen, die bisher zum Fremdsprachenerwerb, für Praktika oder für Auslandsaufenthalte genutzt werden konnten. Dieses Risiko lässt sich nicht von der Hand weisen, es ist aber fraglich, ob der Erhalt dieser Möglichkeiten tatsächlich eine erheblich längere Regelstudienzeit rechtfertigen würde. Wichtiger wäre es wohl, erweiterte Möglichkeiten für ein Teilzeitstudium zu schaffen und angemessene Beurlaubungsregelungen zu entwickeln. Zu prüfen ist auch, in welchem Umfang diese Elemente in den fachlichen Teil des Studiums bzw. in den der General Studies integriert werden können. Durch solche Flexibilisierungen ließe sich auch mit der konsekutiven Studienstruktur der erforderliche Freiraum für diese und andere Aktivitäten schaffen, etwa solche im Bereich der akademischen Selbstverwaltung oder des außerhochschulischen Engagements.

<12>
Auch für die Erfassung individueller Leistungen weist die Umstellung auf Bachelor und Master mit der Einführung studienbegleitender Prüfungen und eines Leistungspunktesystems prinzipiell in die richtige Richtung. Sich nicht mehr an der Zahl der Veranstaltungsstunden, den Semesterwochenstunden, zu orientieren, sondern am Arbeitsaufwand, der mit dem Besuch der jeweiligen Veranstaltung verbunden ist, ist uneingeschränkt zu begrüßen. Auch wenn es mit der Abschätzung des Arbeitsaufwandes gegenwärtig vielfach noch Probleme gibt, weil nicht selten eine Über- oder Unterforderung der Studierenden entsteht, kann dieses Praxisproblem sicherlich durch verbesserte Mechanismen der Planung und der Abstimmung unter Einbeziehung der Studierenden gelöst werden. Ein nächster Schritt sollte die Ausdehnung bzw. Anpassung dieses sog. Workload-Modells auf die Lehrverpflichtung sein.

Berufsfeldorientierung - eine neue Herausforderung

<13>
Ein zentrales Problem der Geisteswissenschaften mit Blick auf den Arbeitsmarkt liegt bislang in ihrer unklaren bzw. außerordentlich einseitigen Berufsfeldorientierung. Ein wenig überspitzt gesagt, ist der Zuschnitt der bisherigen Studiengänge nahezu ausschließlich am Berufsbild des Hochschullehrers bzw. allenfalls noch des 'normalen' Lehrers orientiert. Während die Vermittlung fachwissenschaftlicher Inhalte und Methoden einen hohen Stellenwert hat, bleiben andere Berufsfelder - die schließlich einen beträchtlichen Teil der Absolventen aufzunehmen haben - oftmals ausgeblendet. Es entspricht derzeit, so wird man wohl sagen müssen, auch nicht dem Selbstverständnis vieler Hochschullehrer in den Geisteswissenschaften, wenn sie sich klarmachen müssen, dass sie ihre Studierenden nicht primär als künftige Fachwissenschaftler auszubilden haben, sondern als künftige Arbeitskräfte so unterschiedlicher Bereiche wie der Politikberatung, der Öffentlichkeitsarbeit, des Marketings oder anderer, noch schwerer fassbarer Berufsfelder - aber eben auch als Studierende von forschungsorientierten Masterstudiengängen mit dem Ziel einer künftigen wissenschaftlichen Betätigung. Diese Diversität ist für die Geisteswissenschaften besonders groß; sie sollte künftig sehr viel bewusster adressiert werden.

<14>
Neuere Entwicklungen zeigen, dass nicht alleine die hochschulinternen Prozesse in zunehmendem Maße ergebnisorientiert bzw. 'outputorientiert' begriffen und gesteuert werden, sondern auch die Diskussionen über die Ausbildungsziele verdeutlichen, dass das geisteswissenschaftliche Studium künftig in verstärktem Maße 'outputorientiert' begriffen und geplant werden muss. [11] Es wird nicht länger gefragt, welche Inhalte (repräsentiert durch Lehrstühle bzw. Veranstaltungsthemen) den Studierenden angeboten werden, sondern es wird verstärkt danach gefragt, was diese denn eigentlich können sollen, damit sie sich anschließend erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt etablieren können. Ein zweiter Schritt ist dann die Frage nach geeigneten Veranstaltungstypen und -inhalten. Diese Veränderung des Blickwinkels ist von hoher Bedeutung und nachhaltig zu begrüßen.

<15>
Bisher konnte eine Fakultät die Frage, weshalb ihre Studierenden an Veranstaltungen zu Lebensmittelunruhen im 18. Jahrhundert, zu griechischen Inschriften und zu bildlichen Darstellungen des Westfälischen Friedens teilnehmen sollten, kaum anders beantworten als mit einem lakonischen "weil sie da sind." Diese Antwort, die Sir Edmund Hillary zugeschrieben wird, mag zwar angemessen sein, um das Bergsteigen zu begründen, für eine akademische Ausbildung hingegen muss sie als unbefriedigend gelten. 'Outputorientierung' bedeutet zwar durchaus, dass diese Veranstaltungen weiterhin sinnvoll sein können, dass aber zunächst von der Überlegung ausgehend über ihr Angebot nachgedacht wird, dass es einen Lernzielkatalog gibt, der zwar auch und im Kern fachwissenschaftliche Inhalte umfassen muss, der aber zusätzlich und mit Nachdruck danach fragt, welche Kompetenzen im Rahmen bestimmter Veranstaltungen oder Module vermittelt werden sollen. Die geisteswissenschaftlichen Studiengänge müssen und können aber nicht nur in sehr viel höherem Maße als bisher an Zielen der 'employability', also der Berufsfähigkeit, ausgerichtet werden, sondern die erworbenen Kompetenzen und fachwissenschaftlichen Inhalte müssen zudem in einer aussagekräftigen Weise beschrieben und dokumentiert werden, wofür das vorgesehene 'Diploma Supplement' die entsprechende Struktur schafft.

<16>
Die Beschäftigung mit den Kompetenzen und Kompetenzfeldern, die neben einem inhaltlichen Kerncurriculum in besonderem Maße zu fördern und zu entwickeln sind, kann hier nur angedeutet werden. Geht man nach der englischen Quality Assurance Agency, die einen Katalog von Deskriptoren zur Beschreibung des Ziels der 'employability' entwickelt hat, so ergeben sich zum Beispiel folgende Aspekte:

- Entwicklung eines Verständnisses für die Komplexität, Begrenztheit und Unsicherheit von Wissen;
- Entwicklung analytischer Techniken zur Lösung konkreter Probleme;
- Anwendung des Fachwissens in praktischen Lebensbereichen;
- Fähigkeit zur Bewertung von Beweisen, Argumenten und Annahmen;
- Fähigkeit zur raschen Entscheidungsfindung;
- Fähigkeit zur schriftlichen und mündlichen Kommunikation;
- Fähigkeit zum selbstständigen lebenslangen Lernen;
- Führungsfähigkeit auf der Grundlage eines überzeugenden Fach- und Kompetenzwissens. [12]

<17>
Auch wenn einige dieser Ziele hier vergleichsweise abstrakt bzw. allgemein klingen, ließe sich relativ leicht spezifizieren, was mit Blick auf bestimmte Studiengänge und Berufsfelder hierunter verstanden werden kann. Es liegt auf der Hand, dass die Hochschulen dies nicht unbedingt alleine tun können und müssen, sondern dass eine Verständigung mit Personalverantwortlichen in relevanten Berufsfeldern sinnvoll ist.

<18>
Aber es geht nicht alleine darum, die Vermittlung von Kompetenzen zu stärken. Umfassender geht es auch darum, das 'Marketing' der Absolventen der Geisteswissenschaften zu verbessern. Nicht selten ist hier die 'gefühlte Perspektive' schlechter als die Realität. [13] Ein gesundes Selbstbewusstsein der Geisteswissenschaften, aber auch eine klare und hinreichend spezifische Beschreibung des mit ihrem Studium verbundenen Kompetenzerwerbs ist sinnvoll und notwendig, denn nur so kann dem einzelnen Absolventen die Beweislast abgenommen werden, was er eigentlich gelernt hat und dass auch etwas 'sinnvolles' dabei war.

<19>
Hier sollten die Geisteswissenschaftler ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. Selbstbewusstsein und das Wuchern mit den eigenen Pfunden haben auch bei ihnen durchaus ihre Berechtigung, denn auf einer ganzen Reihe von Gebieten haben Absolventen dieser Fächer nicht unerhebliche Fähigkeiten erworben, für die hier nur einige Beispiele genannt werden sollen:

- Sie erwerben bzw. besitzen die Fähigkeit zur diskursiven Darstellung komplexer Sachverhalte in Wort und Schrift;
- sie erwerben bzw. besitzen die Fähigkeit, in mehr als einer Logik zu denken bzw. diese zu erkennen und zu verstehen;
- sie entwickeln bzw. besitzen die Fähigkeit zu vernetztem Denken;
- sie erwerben bzw. besitzen die Fähigkeit zu eigenständigem, zielgerichtetem Arbeiten;
- sie entwickeln die von Odo Marquard treffend beschriebene "Inkompetenzkompensationskompetenz", die es ihnen erlaubt, auch mit Wissenslücken kreativ und ergebnisorientiert umzugehen; [14]
- sie sind nicht selten in besonderem Maße fremdsprachenkundig.

<20>
Natürlich geht es bei der geisteswissenschaftlichen Ausbildung nicht alleine um den Erwerb arbeitsmarktrelevanter Kompetenzen, sondern auch um den eines spezifischen Denkstils und spezifischer Wissensbestände. Eine Vermittlung von Vortragstechniken oder Textgestaltung hat fraglos wenig Sinn, wenn sie nicht mit bestimmten wissenschaftlichen Inhalten verwoben ist. Dass ein zeitgemäßer Erwerb von Schlüsselqualifikationen in der Regel nicht ohne die Vermittlung fachlicher Inhalte stattfinden sollte, ist jüngst von einer umfassenden Studie noch einmal verdeutlicht worden. [15] In einer Zeit mit hohem Innovationstempo und großen Anpassungsanforderungen in der Berufswelt kann man ohne sie nicht auskommen.

<21>
Die Integration fachwissenschaftlicher Inhalte und der berufsqualifizierenden Kompetenzen ist in besonderem Maße eine Herausforderung bei der Lehrveranstaltungsplanung und bei der Gestaltung von Studiengängen. Eine Reihe von Hinweisen darauf, welche Lehr- und Lernformen aus der Sicht von Studierenden gewünscht sein könnten, verdeutlichen die Ergebnisse des bereits erwähnten Workshops des Centrums für Hochschulentwicklung zu Bedingungen "erfolgreichen Studierens". Was jedenfalls fatal wäre, wäre entweder eine vollkommene Ignoranz mit Blick auf die Anforderungen der relevanten Berufsfelder (die von den Studierenden vielfach durchaus gesehen werden), oder aber die am Status quo orientierte Behauptung, dass die besonderen Erfahrungen der Studierenden in den Geisteswissenschaften sie auch bisher fit für die Berufswelt gemacht hätten. Tatsache jedenfalls ist, dass die Studierenden sich vielfach nicht nur über den mangelnden Praxisbezug und die schlechten Arbeitsmarktchancen beklagen, sondern dass sie zudem auch Unstrukturiertheiten des Studiums und schlechte Betreuung monieren. Umgekehrt zeigt die Tatsache, dass die Studierenden in diesem Bereich sich vielfach weder in zeitlicher noch in fachlicher Hinsicht ausgelastet fühlen, dass Potenziale für eine Straffung und Intensivierung des Studiums durchaus bestehen. Multrus, Bargel und Leitow kamen zu dem Fazit: "Eine stärkere Strukturierung und damit gewisse Anhebung der Leistungsanforderungen wäre in den Geisteswissenschaften angebracht." [16]

Positive Signale

<22>
Es ist keine Frage, dass die Umstellung auf Bachelor und Master für die deutschen Hochschulen eine außerordentliche Herausforderung darstellt. Wie bei jedem Systemwechsel entstehen auch hier Friktionen und zuweilen mag man denken, man hätte lieber das altvertraute System beibehalten. Dass auch dieses nicht ohne erhebliche Probleme war, und dass die Strukturreform wichtige Verbesserungspotenziale nutzen könnte, hat dieser Artikel zu zeigen versucht. Der Beitrag soll indes nicht enden, ohne dass die eigentlich entscheidende Frage danach gestellt würde, ob sich die Mühe lohnt, ob also die Absolventen der neuen Studiengänge Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, oder ob - wie es zuweilen heißt - die Arbeitgeber den Bachelorgrad nicht hinreichend honorierten.

<23>
Für abschließende Bewertungen ist es noch zu früh, erste Ergebnisse umfassender Untersuchungen haben aber durchaus zu erfreulichen Ergebnissen geführt: Zwar studiert ein erheblicher Anteil der Absolventen weiter (und betritt daher noch nicht den Arbeitsmarkt), doch zeigt sich, dass viele in den Arbeitsmarkt eintretende Bachelors durchaus angemessene Anstellungen finden, und dass ihnen der noch neue akademische Grad keine Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt gebracht hätte, die nicht auch die Absolventen anderer Studiengänge haben. So hat der Hochschulexperte Kolja Briedis das Fazit gezogen, dass schon innerhalb der ersten neun Monate nach dem Abschluss "der berufliche Einstieg der Bachelorabsolventen eher durch Erfolge denn durch Misserfolge geprägt ist." [17]

<24>
Aber nicht nur die Zufriedenheit der Arbeitgeber mit den Absolventen, auch die der Absolventen mit den Bachelorstudiengängen ist von Interesse. Und auch hier sprechen die Zahlen nicht gegen die neuen Studiengänge. Es sind nach Auskunft der gleichen Erhebung des Hochschul Informations Systems in Hannover lediglich 12 Prozent der Universitätsabsolventen, die diesen Grad nicht wieder erwerben wollen würden. Hierin kann man wohl ein ermutigendes Zeichen sehen. Nichtsdestoweniger ist Briedis wohl zuzustimmen, wenn er eine aktivere Vermarktung der neuen Abschlüsse und der mit ihnen verbundenen Profile empfiehlt. Durch eine entsprechende Gestaltung und Darstellung geisteswissenschaftlicher Studienangebote kann, so glauben wir, erreicht werden, dass Geisteswissenschaftler nicht trotz, sondern wegen ihres Studienfachs eingestellt werden. Eine weitere wichtige Voraussetzung darf allerdings nicht vergessen werden: Möglich ist eine sinnvolle Reform der Geisteswissenschaften nur dann, wenn ihnen nicht die hierzu erforderlichen Mittel vorenthalten bleiben. Wozu sie diese brauchen und weshalb sie sie verdienen, müssen sie selbst rechtfertigen.


Anmerkungen

[1] Vgl. hierzu die aktuellen Länderberichte der Teilnehmerstaaten des Bologna-Prozesses: http://www.bologna-bergen2005.no/EN/national_impl/05NAT_REP.HTM.
[2] Vgl. hierzu: Frank Multrus / Tino Bargel / Bettina Leitow: Das Studium der Geisteswissenschaften. Eine Fachmonographie aus studentischer Sicht, Bonn 2001, 25. (www.bmbf.de/pub/das_studium_der_geisteswissenschaften-kurzbericht.pdf). Dort auch die nachfolgenden Zahlen.
[3] Vgl. hierzu Ulrich Heublein / Robert Schmelzer / Dieter Sommer: Studienabbruchstudie 2005. Die Studienabbrecherquoten in den Fächergruppen und Studienbereichen der Universitäten und Fachhochschulen (= HIS Kurzinformation A 1), Hannover 2005, 25 (http://www.his.de/News/Service/Publikationen/Kia/pdf/Kia/ki a200501.pdf).
[4] Vgl. hierzu etwa Kolja Briedis / Karl-Heinz Minks: Zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt. Eine Befragung der Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen des Prüfungsjahres 2001 (= HIS Hochschulplanung 169), Hannover 2004 (http://www.bmbf.de/pub/his_projektbericht_12_03.pdf).
[5] Martin Spiewak: Rettet euch selbst, sonst tut es keiner. Die Geisteswissenschaften sind für die Zukunft schlecht gerüstet. Sie müssen sich ändern. Oder untergehen, in: DIE ZEIT 22.04.2004, 45f.
[6] Vgl. hierzu Harald Welzer: Die Kavallerie kommt nicht. Wozu Geisteswissenschaften?, in: Süddeutsche Zeitung, 12.03.2004, 22.
[7] Vgl. über die Empfehlungen des Wissenschaftsrats und den Stand ihrer Umsetzung: Stefanie Schwarz-Hahn / Meike Rehburg: Bachelor und Master in Deutschland. Empirische Befunde zur Studienstrukturreform, Berlin 2003 (http://www.bmbf.de/pub/bachelor_und_master_in_deutschland.pdf).
[8] Vgl. hierzu: Aktionsprogramm ReformStudiengänge des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft (http://www.stifterverband.de/site/php/foerderung.php?
SID=&seite=Programm&programmnr=17&detailansprechnr=396).
[9] Vgl. Jürgen Mittelstraß: Die Geisteswissenschaften und die Zukunft der Universität, Köln 2003.
[10] Vgl. Ergebnisse des Workshops "Erfolgreich studieren" (http://www.che.de/downloads/ErgebnisseErfolgreich_studieren _265.pdf).
[11] Vgl. etwa hierzu die gegenwärtigen Überlegungen zu einem Qualifikationsrahmen in der Hochschulrektorenkonferenz: http://www.hrk.de/de/presse/95_2438.php.
[12] Vgl. "Framework for higher education qualifications in England, Wales and Northern Ireland" der britischen Quality Assurance Agency: http://www.qaa.ac.uk/crntwork/nqf/ewni2001/contents.htm#naming von 2001.
[13] Vgl. hierzu etwa Kai Kolwitz: Quer denken und früh entscheiden. Geisteswissenschaftler müssen besondere Strategien entwickeln, um einen attraktiven Job zu finden, in: Der Tagesspiegel, 10.10.2004.
[14] Vgl. zu diesem Begriff Odo Marquard: Inkompetenzkompensationskompetenz? Über Kompetenz und Inkompetenz der Philosophie, in: ders.: Abschied vom Prinzipiellen, Stuttgart 1981, 23-38.
[15] Vgl. Hildegard Schaeper / Kolja Briedis: Kompetenzen von Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen, berufliche Anforderungen und Folgerungen für die Hochschulreform (= HIS Kurzinformation A 6), Hannover 2004 (http://www.bmbf.de/pub/his_projektbericht_08_04.pdf).
[16] Vgl. noch einmal: Multrus / Bargel / Leitow: Das Studium der Geisteswissenschaften, hier 47 u. 49.
[17] Kolja Briedis: Der Bachelor als Sprungbrett? Erste Ergebnisse zum Studienverlauf und Verbleib von Absolventinnen und Absolventen mit Bachelorabschluss, Vortrag, Freiburg i. Br. 2004, 9 (http://www.his.de/Abt2/Berufseintritt/absolventenprojekt/vortrag/
Vortrag_Bachelor_Freiburg.pdf). Vgl. auch Sabine Diehr / Johannes Velling: Werden unsere Hochschulen dem Bedarf des Arbeitsmarkts gerecht?, in: Vierteljahrshefte für Wirtschaftsforschung 72, 2003, 289 – 304, 300 f.

Autoren:

Dr. Florian Buch
Centrum für Hochschulentwicklung
Verler Str. 6
33332 Gütersloh
florian.buch@che.de

Prof. Dr. Tassilo Schmitt
Institut für Geschichte
Universität Bremen
Postfach 330440
28334 Bremen
tschmitt@uni-bremen.de

Freitag, 7. April 2006

Studium der Geisteswissenschaften - nur Bildung, kein Job?

Was wird eigentlich Abiturienten geraten, falls Sie den Wunsch äußern, ein Studium der Geisteswissenschaften aufzunehmen? Das abimagazin lieferte einen (auch für Studenten!) äußerst interessanten Artikel:

Studium der Geisteswissenschaften - Bildung statt Beruf?

Rund eine halbe Million Studierende haben sich derzeit für ein geisteswissenschaftliches Fach eingeschrieben. Dabei sind ihre Chancen, später als Historiker, Kunstgeschichtler oder Soziologe zu arbeiten, denkbar schlecht. Vielleicht liegt darin auch ein Grund, warum die Quote der Studienabbrecher mit über 30 Prozent vergleichsweise hoch ist. Lohnt es sich trotzdem, ein geisteswissenschaftliches Studium aufzunehmen? „Ja“, sagen die Experten – gefolgt von einem „aber bedenken müssen Sie ...

Marco Zingler hat gelernt, politische Systeme in ganz Europa zu vergleichen. Er weiß über den Minnesang des Mittelalters Bescheid und was der Philosoph Immanuel Kant mit dem kategorischen Imperativ gemeint hat. Neben seinem Abschluss Politik, Philosophie und Geschichte hat er auch noch ein Grundstudium in Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft absolviert. Viele der Bücher, die er sich damals ins Regal seines Studierzimmers gestellt hat, besitzt er heute noch. Allerdings sieht er sich mittlerweile nach anderem Material um, wenn er sich weiterbilden möchte. Aus dem Bücherladen ist das Internet geworden und statt um Kulturen kümmert er sich um Kunden.

Denn der Schreibtisch des 33 Jahre alten Geisteswissenschaftlers steht nicht in einer politikwissenschaftlichen Forschungseinrichtung, einem Verlag für Philosophie oder an einer Akademie für Theaterwissenschaften. Marco Zingler hat den Geisteswissenschaften adieu gesagt und ist zur Internetbranche gewechselt. Als Geschäftsführer der Oneview Internet Systems & Services GmbH ist er unter anderem verantwortlich für die strategische Ausrichtung des Unternehmens. Die Firma produziert Software, die den Aufbau von Intranets unterstützt. Marco Zingler beschäftigen Fragen wie diese: Für welche Unternehmen können unsere Produkte interessant sein? In welche Richtung soll sich das Unternehmen weiterentwickeln? Wie können wir den Nutzern unserer Software jederzeit an jedem Endgerät die richtigen Informationen zur Verfügung stellen? Patchwork-Karrieren

"Karrieren wie diese sind nicht untypisch für Geisteswissenschaftler", urteilt etwa Dr. Erich Behrendt. Der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Soziologen analysiert seit Jahren den Arbeitsmarkt für Gesellschaftswissenschaftler. Während Betriebswirte, Ingenieure und Juristen in der Regel ihr Studium auf klar definierte Tätigkeitsfelder ausrichten können, treffe man bei Geisteswissenschaftlern eher auf Patchwork-Karrieren: Ihr beruflicher Weg setzt sich zusammen wie eine aus verschiedenen Stofflappen bestehende Decke. Wie für Marco Zingler ist für viele die wissenschaftliche Ausbildung das erste und die spätere Arbeit das zweite paar Stiefel. Ein Großteil der derzeit über eine halbe Million geistes- und sozialwissenschaftlichen Studierenden wird wohl auf dem weiteren Berufsweg das erste Paar in der Ecke stehen lassen. Denn viele werden Aufgaben übernehmen, die mit den ursprünglichen Studieninhalten gar nichts mehr zu tun haben. Wer gehört zu den Geisteswissenschaftlern?

Wer ist eigentlich Geisteswissenschaftler?

Als Geisteswissenschaftler werden Absolventen philosophischer, theologischer, sprach-, geschichts- und kulturwissenschaftlicher Studiengänge sowie Soziologen und Politologen bezeichnet. Sie haben ihr Studium nicht mit einem Staatsexamen, sondern in der Regel mit einem Magisterabschluss, seltener mit einem Bachelor- oder Masterabschluss, beendet. Verlegenheitslösung?

Warum also überhaupt Sprach- und Kulturwissenschaften, Politik, Soziologie oder Kunst studieren? Nur aus Spaß an der Freud? Sind Geisteswissenschaften für viele Abiturienten eine "Fluchtburg, weil sie der harten Realität noch eine Weile ausweichen wollen", wie Thomas Schmitz, Literaturwissenschaftler an der Frankfurter Universität bekennt? Studieren Sie nur so lange, bis ihnen etwas Besseres einfällt?

"Mitnichten", meint etwa Dr. Heiko Konrad, Diplom-Sozialwirt und Leiter der Abteilung Aus- und Fortbildung beim Hessischen Rundfunk und Verfasser der Studie zum Thema "Sozial- und Geisteswissenschaftler in Wirtschaftsunternehmen". Längst stünde bei Einstellungsgesprächen nicht nur das reine Fachwissen im Vordergrund: "Vom akademischen Wissen kann man in der Unternehmenspraxis in der Regel wenig anwenden. Das gilt aber letztlich für alle Studienrichtungen - selbst für die Betriebwirtschaftler", sagt er provokant.
Bildungs- statt Berufsstudium

"Geisteswissenschaftliche Studiengänge sind in den wenigsten Fällen eine reine Berufsausbildung", erklärt Michael Stephan vom Staufenbiel Institut für Studien- und Berufsplanung. Es gehe viel mehr um Bildung als um Beruf. "Aber da erlerntes Wissen eine immer kürzere Halbwertszeit aufweist, werden Schlüsselkompetenzen wie Lernfähigkeit, Flexibilität, zügiges und strukturiertes Arbeiten, analytisches Denkvermögen und betriebswirtschaftliches Verständnis in vielen Bereichen fast wichtiger als die im Studium erworbenen Fachkenntnisse." Die Studieninhalte sind gewissermaßen Mittel zum Zweck, um die wichtigen weichen Schlüsselqualifikationen auszubilden.

Was sind "geisteswissenschaftliche Schlüsselqualifikationen"?

Geisteswissenschaftlern werden in der Regel bestimmte Schlüsselqualifikationen zugeschrieben. Wie sehen diese Kompetenzen aus, die Geisteswissenschaftler für berufliche Aufgaben besonders qualifizieren sollen?
  • Kommunikationsfähigkeit ist diejenige Schlüsselqualifikation, die Geisteswissenschaftlern von Personalverantwortlichen am stärksten zugeschrieben wird. Bei keiner anderen Studienrichtung wird so viel referiert, argumentiert und diskutiert. Ein Pfund, mit dem Geisteswissenschaftler durchaus wuchern können: Wer zu kommunizieren gelernt hat, kann beim Vorstellungsgespräch und im Beruf leichter überzeugen.
  • Analytische und konzeptionelle Fähigkeiten werden unter anderem durch die Vorbereitung auf Diskussionen oder das Erarbeiten von Hausarbeiten gefördert. Im Beruf werden sie beispielsweise zur Ausarbeitung von Strategien und für Konzepte - etwa für einen Internetauftritt oder bei der Einführung eines neuen Produkts - benötigt.
  • Präsentationsfähigkeiten gehören zu den wohl wichtigsten Kompetenzen, die Geisteswissenschaftlern zugerechnet werden. Wer während seines Studiums geübt und gelernt hat, Referate zu halten, Ideen und Zusammenhänge zu erklären, sollte sich später im Beruf gut und selbstbewusst ausdrücken können: Bei der Vorstellung neuer Konzepte ebenso wie bei Kunden- oder Personalgesprächen.
  • Begeisterungsfähigkeit und Eigeninitiative müssen Geisteswissenschaftler fast zwangsläufig besitzen. Bis auf den Bereich Lehramt studieren viele ihr Fach in der Regel nur aus Interesse, ohne ein festes Berufsbild vor Augen zu haben. Sie müssen viel Initiative aufbringen, um ihr Studium selbst zu strukturieren und die Freiheiten geisteswissenschaftlicher Fächer für sich zu nutzen. Deshalb gelten diese Absolventen auch als besonders motiviert für die spätere Projektarbeit im Beruf.
  • Flexibilität und Organisationstalent sind wesentliche Voraussetzungen für fast jeden Beruf. Geisteswissenschaftler sind schon während ihres Studiums darauf angewiesen, sich auf häufig wechselnde Projekte und Anforderungen einstellen zu können. Das Studium muss flexibel strukturiert und Seminararbeiten und Referate so organisiert werden, dass sie sich nicht überschneiden. Außerdem dürfen gerade da, wo Flexibilität und Selbstorganisation gefragt sind, Ziele nicht aus den Augen verloren werden.
  • Kreativität lässt sich im geisteswissenschaftlichen Studium besonders intensiv ausleben. Nirgends sonst gibt es so viel Freiraum etwa bei der Wahl von Schwerpunkten und der Gestaltung und Vermittlung von Ideen und Inhalten wie hier. Wer diesen Freiraum sinnvoll (und kreativ) nutzt, kann im Beruf zum kompetenten Problemlöser werden, weil er Situationen und Schwierigkeiten von den verschiedensten Seiten betrachtet und unkonventionelle Ideen hat.
Das sieht auch Geisteswissenschaftler und IT-Fachmann Marco Zingler so: "Geschichte, Politik und Philosophie haben mich zu einem Generalisten ausgebildet, der sich sehr schnell in die unterschiedlichsten Themen und Situationen hineinarbeiten, sich selbstständig alle relevanten Informationen erschließen und die Ergebnisse adäquat präsentieren kann", sagt er. Verena Voigt, die nach ihrem Studium der Kunstgeschichte ein Zeitungsvolontariat absolvierte und vor fünf Jahren ein Büro unter anderem zur PR-Beratung für die Kulturwirtschaft gründete und auch Studierende berät, sieht Formalien wie ihre Abschlussnoten sogar als unwichtig. Es komme vielmehr darauf an, "Nischen zu entdecken, sie auszubauen und über Jahre hinweg zu pflegen".

Zu einem vergleichbaren Schluss kommt auch Ulrich Holst. Der ehemalige Theologie-Student ist freier Berater in der beruflichen Bildung und Personalentwicklung sowie Buchautor. "Personalentscheider fragen in erster Linie nicht nach dem Wissen, sondern nach dem Können - mit anderen Worten nach der Kompetenz", so der Personalberater. Viele Einsatzfelder und hohe Hürden

"Nur ein Bruchteil der Stellenangebote für Geistes- und Sozialwissenschaftler beziehen sich auf deren fachliche Ausbildung", sagt Manfred Bausch, Sachgebietsleiter Geistes- und Sozialwissenschaften der Arbeitsmarktinformationsstelle in der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesanstalt für Arbeit. Wenn überhaupt, kämen solche Angebote überwiegend aus der Wissenschaft, aus dem Kultursektor, aus öffentlichen und privaten Bildungseinrichtungen, von Gebietskörperschaften, von Vereinen und manchmal beispielsweise auch aus Wissenschaftsverlagen. "Vermehrt fassen die Absolventen die freie Wirtschaft als Arbeitsfeld ins Auge, und auch die Wirtschaft öffnet sich ihnen gegenüber", so seine Erfahrung.

Doch alle diese positiven Signale dürfen über mindestens vier hohe Hürden nicht hinwegtäuschen:

1. Geisteswissenschaftliche Studiengänge sind in der Regel sehr unstrukturiert. "Die großen Gestaltungsspielräume führen bei nicht wenigen Studierenden zu Orientierungsproblemen und in der Folge zu Motivationsdefiziten", vermutet eine aktuelle Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Verbunden mit unsicheren beruflichen Aussichten würde sich damit auch der vergleichsweise hohe Anteil an Studienabbrechern unter den Geisteswissenschaftlern erklären: Bei Sprach- und Kulturwissenschaften sind es rund 33 Prozent, bei den Sozialwissenschaften sogar über 40 Prozent, so die Studie.

2. Schlüsselqualifikationen ändern nichts daran, dass für Geisteswissenschaftler der Eintritt auf den Arbeitsmarkt mit mehr Barrieren als bei anderen akademischen Berufen versehen ist, weil sie selten in ein klassisches Berufsbild passen. Zumal sich ein "blindes Vertrauen auf die Schlüsselqualifikationen als gefährlicher Irrglaube herausstellen könnte", mahnt Michael Stephan vom Staufenbiel Institut: "Schlüsselqualifikationen dienen eben nur als Schlüssel, um die Fachkenntnisse auch im betrieblichen Alltag überzeugend ein- und umsetzen zu können". Wer sich aber im Studium erfolgreich darum gedrückt habe, im Seminar ein Referat zu halten, wird später Schiffbruch erleiden.

3. Geistes- und Sozialwissenschaftler können ihre Kompetenz nur in der Praxis unter Beweis stellen. Wer nicht frühzeitig Praktika bei Unternehmen absolviere und sich nicht in Richtung Wirtschaft weiterbilde, lasse viele Chancen ungenutzt.

4. Derzeit geht die Nachfrage nach Akademikern generell zurück. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres reduzierte sich das Angebot an Stellen für Personen mit einem Hochschulabschluss von 128.000 auf nur noch knapp 100.000. Ein Rückgang von 22 Prozent! Ende September 2002 waren laut ZAV 10.450 Geisteswissenschaftler arbeitslos gemeldet, eine Steigerung um 17 Prozent.

"Zwar haben", so Manfred Bausch, "Geisteswissenschaftler keineswegs mehr als andere akademische Berufsgruppen unter dem Anstieg der Arbeitslosigkeit zu leiden" - ein vergleichsweise schwacher Trost. Das Stellenaufkommen für Geisteswissenschaftler war in diesem Zeitraum mit rund 1.000 Angeboten um fast ein Drittel niedriger als im Jahr 2001. Die künftige Entwicklung ist unsicher. Hinzu kommt, dass Arbeitgeber im Zweifel oftmals lieber Absolventen etwa aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften einstellen. Lehramt als Alternative

Etwas anders sieht es derzeit bei den Geisteswissenschaftlern aus, die sich in Richtung Lehramt weiterbilden wollen. "Angesichts des akuten Lehrermangels könnte es für den ein oder anderen Geisteswissenschaftler durchaus sinnvoll sein, ein Staatsexamen, das für das Lehramt befähigt, mit in die beruflichen Überlegungen einzubeziehen", so Manfred Bausch. Hier liegen zusätzliche Berufsperspektiven, die der Magister- oder Masterabschluss nicht bietet. In den nächsten zehn bis 15 Jahren werden vermutlich rund 50 Prozent der heutigen Pädagogen pensioniert. Die rosarote Brille aufzusetzen, erlauben diese Zahlen allerdings nicht. Eine Garantie, dass der Staat den gesellschaftlich notwendigen Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften auch tatsächlich deckt, gibt es nicht.

Was also ist Abiturienten zu raten? Sicher ist: Es macht keinen Sinn, bei einer Einschreibung an der Hochschule seinen Blick nur auf die beruflichen Aussichten zu lenken. Dafür ändern sich die Anforderungen zu schnell, und es wäre nicht gescheit, auf Biegen und Brechen ein Fach zu studieren, das einem nicht zusagt. Auch darin sind sich die Experten einig. Wer aber ein geisteswissenschaftliches Studium aufnimmt, der sollte die Chancen der Freiheit dieser Fächer auch nutzen, um nach links und rechts zu sehen, also auf den Ausbau seines Fachwissens und seiner Schlüsselqualifikationen achten und frühzeitig aktiv auf den Arbeitsmarkt zugehen.

Freitag, 31. März 2006

Die Geisteswissenschaften haben kein Problem - in der Theorie!

Obwohl ich hier auf UnternehmensGeist schon eine Lanze für die Geisteswissenschaften gebrochen habe, muss ich an dieser Stelle auf die Euphorie-Bremse treten. Der Grund dafür ist ein Interview aus der ZEIT vom 01.02.2006, in dem zwei Historiker zum Zustand der Geisteswissenschaften befragt werden. Fazit: In der Theorie ist alles super (das unterschreibe ich). Auch die Ausbildung der Studenten sei doch ganz akzeptabel (das wage ich zu bezweifeln). Von einer Krise der Geisteswissenschaften zu sprechen, sei übertrieben (dem kann ich zumindest bezüglich der Außenwirkung widersprechen). Um aber den Professoren Bredekamp und Herbert gegenüber gerecht zu sein, muss ich auch sagen, dass sie die nötigen Reformen erkennen und offen ansprechen.

»Es gibt keine Krise«

Wie geht es den deutschen Geisteswissenschaften? Blendend, sagen der Kunsthistoriker Horst Bredekamp und der Historiker Ulrich Herbert.


DIE ZEIT 01.02.2006 Nr.6

Die Kritik an den Geisteswissenschaften wächst. Im Exzellenzwettbewerb, der die besten Universitäten und Forschungsideen auszeichnen soll, sind die meisten geisteswissenschaftlichen Anträge bereits in der Vorauswahl gescheitert. Kulturwissenschaftler, Philosophen und Philologen klagen über Stellenstreichungen und das Wegbrechen ganzer Disziplinen. Mit Spannung wurden deshalb die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu den Geisteswissenschaften erwartet. Nun liegt die Expertise des höchsten Beratungsgremiums in Fragen der Forschung und Lehre vor – mit überraschendem Ergebnis.

DIE ZEIT: Die Krise der Geisteswissenschaften ist in aller Munde. Der Wissenschaftsrat jedoch sagt: Es geht ihnen so gut wie niemals zuvor. Ein Widerspruch?

Ulrich Herbert: Nein, denn es gibt keine Krise. Die Geisteswissenschaften sind stark in der Forschung und setzen international auf vielen Feldern Maßstäbe. Der wissenschaftliche Nachwuchs ist so gut ausgebildet, dass er an den besten Universitäten der Welt unterkommt. Und auch unsere Studenten haben langfristig gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Kurzum, diese larmoyante, kulturpessimistische Untergangsrhetorik geht an der Realität völlig vorbei.

Horst Bredekamp: Niemand kann die Augen vor der teils abstoßenden baulichen Substanz, der miserablen Ausstattung und der Überfüllung verschließen. Die Bedingungen, unter denen Dozenten zu lehren gezwungen werden und in denen die Studierenden einen Hauptteil ihres Lebens verbringen, haben teils zu einem spürbaren Verlust an Selbstachtung geführt.

ZEIT: Also doch Krise?

Bredekamp: Die Krise liegt eher in der Ausschließlichkeit ihrer Wahrnehmung. Viele Fächer wie die Altertumswissenschaften oder die Medienwissenschaft sind lebendig und populär wie kaum irgendwo. Vor kurzem wurde eine deutsche Dissertation von einem bekannten amerikanischen Medientheoretiker mit den Worten rezensiert: Anhand dieses Buches sieht man, dass die Diskussion in den USA um 30 Jahre hinterherhinkt.

ZEIT: Gilt die Erfolgsbilanz auch für die großen Fächer wie Germanistik oder Geschichte? Über die deutsche Philosophie etwa sagt der Philosoph Ernst Tugendhat, sie spiele international keine Rolle mehr.

Herbert: Für die Philosophie oder Germanistik kann ich das schwer beurteilen. Die Geschichtswissenschaft jedoch steht sehr gut da. Dass Deutschland sich in einem lang andauernden und schwierigen Prozess mit der NS-Zeit auseinander gesetzt hat, verdankt es nicht zuletzt den Historikern. Das ist keine kleine Leistung.

ZEIT: Große Debatten aber haben unsere Forscher selten angestoßen. Ob die Goldhagen- oder die Wehrmachtsdebatte, die Diskussion um die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg oder die Vertreibungen – stets haben unsere Universitätshistoriker nur reagiert.

Herbert: Nein, in den von Ihnen genannten Fällen haben die Autoren ja vor allem die umfänglichen Forschungen der professionellen Historiker aufgenommen, zugespitzt und dadurch Debatten angestoßen. Entscheidend für die Lebendigkeit einer Wissenschaft ist, ob sie diese Fragen aufnimmt und weiterführt. Daran hat es ja wahrlich nicht gemangelt.

Bredekamp: Die großen kulturellen Grundbewegungen sind von den Geisteswissenschaften gewittert und reflektiert worden: so etwa der »Abschied von den Utopien« oder die frühe Wahrnehmung und Historisierung der Medienmacht. In den Diskussionen um die Kybernetik, die künstliche Intelligenz oder die Willensfreiheit haben Geisteswissenschaften, insbesondere die Philosophie und Theologie, eine prägende Rolle gespielt. Dass derartige Impulse trotz unvergleichlicher Lehrbelastungen und unsäglicher Bedingungen geleistet wurden, grenzt an ein Mirakel.

ZEIT: Wo zeigen sich diese Impulse konkret?

Bredekamp: Im Ausstellungswesen, das neben den klassischen Themen andauernd aktuelle Fragen aufnimmt und verschärft; von den Kunstmuseen über die historischen Museen bis etwa zum Hygiene-Museum Dresden. Die Menschen gehen freiwillig in die Museen, die so überfüllt sind wie nie zuvor. Wo gibt es vergleichbare Anregungen?

ZEIT: Wenn in der Forschung alles zum Besten steht: Woher rühren dann die Untergangsklagen?

Herbert: Es gibt in Politik und Öffentlichkeit wie auch in den Universitäten eine Enttäuschung darüber, dass die Geisteswissenschaften ihren rund 100 Jahre lang währenden Sonderstatus verloren haben. Seit der Jahrhundertwende bis in die fünfziger Jahre hinein sollten sie das »eigentliche«, das kulturelle Deutschland gegen die Moderne verteidigen. In den sechziger und siebziger Jahren waren sie dann als Demokratisierungswissenschaften gefragt und erhielten dadurch eine Bedeutung, die weit über ihre wissenschaftlichen Leistungen hinaus reichte. Diese quasipriesterliche Rolle, die in den NS-Debatten noch einmal aufklang, haben sie verloren. Wir sind Wissenschaftler wie andere auch, keine nationalen Legitimationsinstanzen.

ZEIT: Das mäßige Abschneiden in der Exzellenzinitiative erklärt dies kaum.

Herbert: Die Exzellenzinitiative ist nicht der Ort, an dem diese Stärken sichtbar werden. Bei den so genannten Exzellenzclustern zum Beispiel werden große Forschungsverbünde ausgezeichnet, die für viele unserer Disziplinen einfach zu groß sind. Unsere Forschungsprojekte sind in der Regel kleinteiliger, individueller und vor allem weniger arbeitsteilig organisiert. In der Exzellenzinitiative werden bis zu sieben Millionen Euro jährlich für ein Projekt verteilt. Die meisten Philosophen oder Sprachwissenschaftler können so viel Geld nicht auf vernünftige Weise ausgeben. ZEIT: Ist die Kritik nicht auch selbst verschuldet, weil keine Mechanismen der Qualitätskontrolle entwickelt wurden? Drittmittel werden nur bedingt als Gütekriterium anerkannt. Eigene, durch so genanntes Peer-Review begutachtete Fachzeitschriften gibt es nicht.

Bredekamp: Da ist etwas dran. Andererseits hat das Gutachterwesen seine Tücken. So produziert es in den Naturwissenschaften geradezu Skandale beklemmenden Ausmaßes; der jüngste Fall aus Korea war symptomatisch. Zudem hat das Peer-System etwas Innovationsfeindliches. Nach dem Motto: Ich bin zwar für neue Ideen, aber von dieser habe ich noch nie gehört.

Herbert: Die Geisteswissenschaften können nicht einfach sagen, unsere Leistungen seien hier auf Erden nicht gerecht zu bemessen. Die verschiedenen Disziplinen werden nicht drumherum kommen, sich zum Beispiel stärker auf einige Kernzeitschriften zu konzentrieren und deren Beiträge einem harten Peer-Review zu unterziehen. Andere Länder wie Großbritannien oder die Niederlande schaffen dies auch, mit guten Erfolgen.

ZEIT: Geisteswissenschaftler klagen darüber, dass gerade kleinen Fächern Gefahr drohe. Sehen Sie darin eine Abwertung der Disziplinen?

Bredekamp: Durchaus. Wir beobachten, dass etwa in der Wissenschaftsgeschichte, der Rechtsgeschichte oder in kleineren Philologien Professuren gestrichen werden. Wenn dies in mehreren Bundesländern geschieht, verschwinden unbemerkt die Aktivitäten ganzer Generationen.

Herbert: In manchen Fächern droht mit der Schließung eines einzigen Lehrstuhls die Vernichtung einer ganzen Wissenskultur. Das muss man verhindern, und sei es durch eine Art von Bundesländer übergreifendem Frühwarnsystem.

ZEIT: Sollte man für solche Fächer nicht lieber nationale Forschungszentren einrichten?

Herbert: In manchen Fällen mag das sinnvoll sein. In der Regel aber brauchen die »kleinen« Fächer – die ja zum Teil riesige Wissensgebiete repräsentieren, denken Sie nur an die Asienforschung – die Einbindung in die Nachbardisziplinen. Eine Professur für Provinzialrömische Archäologie ist auf den engen Kontakt zur Alten Geschichte oder zur Klassischen Philologie dringend angewiesen.

ZEIT: Noch einmal zurück zur Exzellenzinitiative: Wenn sie nicht das rechte Förderinstrument für die Geisteswissenschaften ist, was brauchen sie dann?

Herbert: Zeit und Ruhe. Es ist absurd, dass ausgerechnet Professoren kaum noch forschen können, weil sie unentwegt mit anderem beschäftigt sind – mit Verwaltungsarbeit, dem Schreiben von Gutachten und Anträgen, und mit immer steigenden Studentenzahlen. Deshalb schlagen wir vor, besonders guten Professoren die Chance zu geben, sich für zwei, drei Jahre allein auf ihre Forschung zu konzentrieren.

ZEIT: Eine Art verlängertes Freisemester?

Herbert: Nein, denn das dient heute oft dazu, liegen gebliebene Hausarbeiten des vergangenen Semesters zu korrigieren. Der Wissenschaftsrat empfiehlt vielmehr, Forschungskollegs nach dem Vorbild der so genannten Institutes of Advanced Studies an den Universitäten einzurichten. Hier sollen Professoren gemeinsam mit Nachwuchswissenschaftlern und hochkarätigen auswärtigen Gastwissenschaftlern forschen und Zeit haben, ihre Bücher zu schreiben.

ZEIT: Die Lehre scheint ja das Hauptproblem zu sein. Man könnte den Eindruck haben, sie sei nicht die Lieblingsbeschäftigung des Professors.

Bredekamp: Im Gegenteil. Seit 800 Jahren gibt es kein besseres Forschungsmodell als die Verbindung mit der Lehre. Daraus erwächst der Zwang, komplexe Ergebnisse auf das Niveau eines Erstsemesters herunterzubrechen und sie grundsätzlich zu befragen. Die Rede von der mangelnden Lehrwilligkeit ist im Übrigen der blanke Hohn. Unsere Lehrverantwortung dürfte weltweit ohne Beispiel sein. Es gilt die Faustregel: Die Zahl der Studenten, die etwa ein amerikanischer Professor insgesamt zu betreuen hat, gleicht der Zahl der Doktoranden eines deutschen Kollegen.

Herbert: Die Geisteswissenschaften haben heute im Vergleich zum Jahr 1999 fast 40 Prozent mehr Studenten zu unterrichten, ohne dass sich die Zahl der Professoren erhöht hätte. Wir haben ein Verhältnis von 94 Studenten pro Hochschullehrer, der Durchschnitt an der Universität liegt bei 59. Die Ausweitung der Studierendenzahlen in den letzten Jahren geschah vorwiegend auf dem Rücken der Geisteswissenschaften. Das führt zur Verschlechterung der Berufsaussichten der Studierenden und zur Verwahrlosung der Lehre.

ZEIT: Was heißt das?

Bredekamp: Die Universität ist ein zum Zerreißen gespannter Expander. Das eine Ende beschweren Studenten, die lediglich geduldet werden, um die Statistik der Jugendarbeitslosigkeit zu beschönigen, oder auch Dozenten, die keine Scham empfinden, wenn in ihren Vorlesungen gegessen und telefoniert wird. Am anderen Ende ziehen Dozenten und vor allem Studenten, die zum Besten gehören dürften, was seit langer Zeit die Universität bevölkert hat.

Herbert: Es ist paradox. Wir haben einerseits Studierende, die kaum ein Buch zu lesen vermögen. Auf der anderen Seite eine breite Leistungsspitze, die so gut ist wie niemals zuvor. Unsere Doktoranden sind in Harvard oder Oxford außerordentlich erfolgreich. Die bessere Hälfte der Studierenden schreibt heute Examensarbeiten auf dem Niveau der Doktorarbeiten der siebziger Jahre. Solche Leute finden überall einen Job.

ZEIT: Was man nicht von allen Absolventen sagen kann.

Herbert: Das stimmt. Die Arbeitslosigkeit bei Geisteswissenschaftlern ist mit 6,6 Prozent ungefähr um die Hälfte höher als in den anderen Fächern – aber immer noch wesentlich niedriger als bei allen Nichtakademikern. Außerdem haben sich Geisteswissenschaftler in den vergangenen 20 Jahren immer neue Berufsfelder erobert. Heute arbeiten unsere Absolventen als Berater bei McKinsey, als Journalist bei der ZEIT oder als Kurator im Museum.

ZEIT: Trotz oder wegen des Studiums?

Bredekamp: Wieso trotz?

ZEIT: Viele klagen, dass sie im Studium kaum etwas für ihren Beruf gelernt haben.

Bredekamp: Ihre Fragen vereinen alle bekannten Vorurteile. Wir betreiben keine unmittelbare Berufsausbildung, sondern bilden, lehren, Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu sehen, schnell, aber auch langfristig und zäh zu forschen. Es gibt keine bessere Berufsausbildung als eine gewisse Distanz zu den täglichen Anforderungen des Berufes.

ZEIT: Aber, dass die Studenten lernen, wie man redet oder schreibt, darf man doch erwarten?

Herbert: Wer vor dem Studium nicht weiß, wie man ein Buch liest, wird das in der Uni nur schwer lernen.

Bredekamp: Es wird gesagt, dass an deutschen Universitäten verschroben geschrieben wird. Aber das Feuilleton hat niemals eine Phase gehabt, in der Dozenten vergleichbar präsent waren. Selbst Literaturprofessoren können seit geraumer Zeit glänzend schreiben. Schließlich sind Verlage wie Beck, Suhrkamp oder Fink zu nennen: Dort publizieren Geisteswissenschaftler in einer Breite und Qualität, für die es in anderen Sprachen kaum Vergleiche geben dürfte.

Herbert: Andererseits kennen wir alle Seminare, in denen über anderthalb Stunden langweilige Referate vorgelesen werden, der Herr Seminarleiter gibt einen kurzen Kommentar und Ende der Sitzung.

ZEIT: Und jede Universität duldet das.

Herbert: Es gibt in der Lehre einen gewaltigen Reformbedarf. Man kann 35 Prozent eines Jahrgangs, die heute an den Unis sind, nicht unterrichten wie weiland fünf Prozent. Dieser Gedanke setzt sich an den Universitäten nur sehr langsam durch, und es gibt Kollegen, die halten sich schon für bedeutende Wissenschaftler, weil sie die Lehre als nachrangig ansehen.

ZEIT: Logisch wäre es dann, dass gerade die Geisteswissenschaftler die neuen Studiengänge Bachelor und Master begeistert annehmen. Das aber passiert nicht?

Herbert: Das täuscht, da ist derzeit viel in Bewegung. Bachelor und Master bieten große Chancen. Sie zwingen die Universitäten, das Studium so zu strukturieren, dass sie zu Beginn stärker die Grundlagen ihrer Fächer betonen, durchaus in einer verschulteren Form als früher. Die Vertiefung erfolgt dann anschließend in der Master-Phase. Doch ich sehe auch Gefahren: So wie das freie, forschend-entdeckende Lernen viele schwächere Studenten überfordert hat, müssen wir nun aufpassen, dass wir die Neugier und den Leistungswillen gerade der Studienanfänger nicht unterdrücken.

Bredekamp: Das forschende Lernen war die Stärke der deutschen Universität. Gerade ausländische Studenten, die an Frontalunterricht gewöhnt sind, zeigen sich hingerissen von der Intensität der Diskussionen und der Beteiligung der Studierenden. Andererseits fordern Studenten seit langem ein stärker strukturiertes Studium. Meine anarchisch-humanistische Überzeugung rebelliert, aber man muss diesen Spagat versuchen. Der erheblich gestiegene Aufwand erfordert allerdings eine bessere Ausstattung. Wird diese nicht gegeben, ist die Umstellung auf Bachelor und Master eine Totgeburt.

ZEIT: Das Ziel der Umstellung auf Bachelor und Master ist es doch, die Betreuung zu intensivieren.

Herbert: Das ist Theorie. In der Praxis werden die Betreuungsrelationen hochgefahren. Auf diese Weise wird der Bachelor scheitern. Ich bin für den weiteren Ausbau der Hochschulen. Aber Studenten, die so ausgebildet werden, braucht niemand.

Die Fragen stellte Martin Spiewak

Horst Bredekamp lehrt Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität. Seine Forschungsschwerpunkte sind das Verhältnis von Kunst und Technik sowie die neuen Medien. Für seine Arbeit hat der 58-jährige viele Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Aby M. Warburg Preis. Bredekamp gehörte der Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats an, die die aktuellen Empfehlungen zu den Geisteswissenschaften verfasst hat.

Ulrich Herbert leitete die Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats zur Zukunft der Geisteswissenschaften. Der Zeithistoriker lehrt und forscht an der Universität Freiburg. Er hat zahlreiche Publikationen zur Geschichte der Fremdarbeiter und zu der Zeit des Nationalsozialismus verfasst. 1999 wurde der heute 54-jährige Wissenschaftler mit dem Leibniz-Preis der deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet.

Sonntag, 26. Februar 2006

Die Mär vom guten und schlechten Geld

Es spricht zwar niemand aus, aber gedacht wird es in geisteswissenschaftlichen Studenten- und Absolventenkreisen dennoch: Gehalt ist nicht gleich Gehalt, nein, da gibt es gutes Geld (dem Gemeinwohl oder den Künsten dienend) und da gibt es schlechtes Geld (lediglich der eigenen Wohlstandsmehrung dienend). Das gute Geld wird in sozial-karitativen, kulturellen Berufen wie etwa Museen, Verlagen und Bibliotheken gemacht und das schlechte Geld bei Handel, Banken, Versicherungen und der Industrie. Wie ich darauf komme? Na ja, zum einen gehe ich mit offenen Augen und Ohren durch die Welt und zum anderen ist dies ein oft gehörter Spruch von Geisteswissenschaftlern, die in der Wirtschaft Fuß gefasst haben. Lesenswert in diesem Zusammenhang ist das Interview von Gunter Person, einem freien Kunstvermittler und Gründer der Initiative "Geist und Wirtschaft" in der taz aus dem Jahr 2000 (Die-Maer-vom-schlechten-Geld (pdf, 27 KB)).

Jemand dagegen?

Donnerstag, 16. Februar 2006

Heidelberger Geisteswissenschaftler als "weißer Ritter"

Wer glaubt, es gehe nur den Geisteswissenschaftlern an den Kragen, hat sich getäuscht. In Heidelberg wurden Pläne, das traditionsreiche Alfred-Weber-Institut zu schließen und mit Mann und Maus an die Universität Mannheim abzugeben, erst in letzter Minute zu den Akten gelegt. Jetzt soll es ein neuer interdisziplinärer Bachelor-Studiengang richten, der u.a. den Anschluss an geisteswissenschaftliche Fächer wie Politologie, Soziologie, Geschichte und Psychologie sucht. Er hört auf den schönen Namen "Politische Ökonomik" und wird sich in den Methoden hauptsächlich an der Institutionenökonomik und der Verhaltensökonomik ausrichten.

Mir waren bisher nur Fälle bekannt, in denen geisteswissenschaftliche Fächer den Kontakt zu den Wirtschaftswissenschaften suchten. Schön, dass der Trend zu "Interdisziplinärem" auch anders herum funktioniert. Hier der FAZ-Artikel von der Homepage der Fachschaft VWL:


Die Heidelberger Ökonomen frohlocken

Die Universität trennt sich doch nicht von den Wirtschaftswissenschaften, sondern modernisiert sie und stockt das Personal auf

Wenn das Stuttgarter Wissenschaftsministerium das neue Konzept billigt, dann wird sich die Volkswirtschaftslehre in Heidelberg künftig auf die wissenschaftlichen Methoden der Institutionenökonomik und der Verhaltensökonomik spezialisieren. Dafür sind sogar neue Lehrstühle geplant.

orn. HEIDELBERG, 9. Februar. An der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Heidelberg herrscht Aufbruchstimmung. Ein knappes Dreivierteljahr nach der für alle Beteiligten überraschenden Ankündigung des Rektorats, die Wirtschaftswissenschaften würden "im Rahmen der seit 1998 bestehenden Kooperation" vollständig an die Universität Mannheim verlagert, hat sich die Lage nach umfangreichen Protesten von Professoren und Studenten komplett gewendet. Das traditionsreiche Alfred-Weber-Institut (AWI) wird nun nicht wie ursprünglich geplant geschlossen oder zumindest drastisch verkleinert, sondern der volkswirtschaftliche Studiengang soll gemäß dem Entwurf einer internationalen Kommission unter dem Label "Politische Ökonomik" neu ausgerichtet und die Fakultät personell sogar gestärkt werden.

Inhaltlich wird sich die Volkswirtschaftslehre in Heidelberg künftig auf die wissenschaftlichen Methoden der Institutionenökonomik und der Verhaltensökonomik ("Behavioral Economics") spezialisieren. Als Themenschwerpunkte sind dabei Umwelt und Ressourcen, Arbeit und Humankapital, Entwicklung und Transformation sowie "Governance" geplant. Die Besonderheit des neuen, sechs Semester umfassenden Bachelor-Studiengangs - ein Master-Studiengang soll mittelfristig folgen - liegt vor allem in dem geplanten interdisziplinären sozialwissenschaftlichen Ansatz. "Das ist jetzt der Studiengang, den ich hätte studieren wollen, wenn es ihn denn damals schon gegeben hätte", schwärmt Jörg Oechssler, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftstheorie, der sich nunmehr gemeinsam mit Professoren und Studentenvertretern um die konkrete Umsetzung der Kommissionsempfehlungen bemüht.

Neben Vorlesungen aus dem eigentlichen Feld der Wirtschaftswissenschaften und den üblichen Zulieferungen aus der Mathematik, der Statistik und den Rechtswissenschaften sind für die Zukunft auch Vorlesungen aus der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Geschichte und der Psychologie sowie in dem noch zu konzipierenden Fach "Interdisziplinäre Institutionenanalyse" geplant. Die "interdisziplinären Verknüpfungen" machten rund ein Drittel des neuen Studienganges aus, heißt es. "Bisher war die Volkswirtschaftslehre in Heidelberg zu traditionell, mit diesen Verknüpfungen wird sie moderner und auch attraktiver für die Wirtschaft", freuen sich die Studenten Cosima Steck und Matthias Eitenbenz von der Fachschaft.

Diese "Vernetztheit" sei zudem eine Besonderheit, die es an der Universität Mannheim nicht gebe und auch in Zukunft nicht geben werde, betont ebenfalls der Heidelberger Rektor Peter Hommelhoff. Mit diesem Argument hofft er auch das baden- württembergische Wissenschaftsministerium von den neuen Plänen überzeugen zu können. "Wir glauben berechtigt die Grundforderung zu stellen, daß es sowohl in Heidelberg als auch in Mannheim Volkswirtschaftslehre geben muß." Ob das Wissenschaftsministerium dann aber nicht wieder mit neuen Kooperationsideen kommt, dürfte dahingestellt sein.

Hommelhoff sagt, man könne nicht gerade über einen Mangel an Nachfrage nach der Volkwirtschaftslehre in Heidelberg klagen: Derzeit sind rund 2000 Studenten eingeschrieben. Um angesichts der geringen Zahl besetzter Lehrstühle ein angemessenes Lehrangebot aufrechterhalten zu können, hat die Universität sogar für das kommende Sommersemester einen Einschreibestopp verhängt.

Für den Rektor bedeutet das neue Konzept eine radikale Kehrtwendung. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatte er sich im vergangenen Mai mit dem Mannheimer Rektor Hans-Wolfgang Arndt über die vollständige Verlagerung der Wirtschaftswissenschaften bis zum Jahr 2010 verständigt; das AWI-Direktorium war nicht informiert und trat im Protest geschlossen zurück. Studenten organisierten Demonstrationen in der Altstadt. Im Juni indes verweigerte sich der Universitätssenat der Schließung der Fakultät - und Hommelhoff machte sich nunmehr zum Anwalt eines neuen, tragfähigen Konzepts für die Wirtschaftswissenschaften. Nun hieß es, das AWI solle zwar von nominal 13 auf 6 Lehrstühle verkleinert, aber interdisziplinär neu ausgerichtet werden - gemäß den Prinzipien, die von einer neu einberufenen, externen Kommission festzulegen seien. Die Kommission, der unter anderem die Ökonomen Bruno Frey (Universität Zürich) und Lars-Hendrik Röller (Europäische Kommission) angehörten, legte dann im November ihre Empfehlungen vor. Gleich in der Präambel des Papiers erteilen die Fachleute den ursprünglichen Schließungsplänen eine Abfuhr. So heißt es, angesichts der "strategischen Herausforderung" der Heidelberger Hochschule, sich als " international ausgerichtete Eliteuniversität zu profilieren", seien "entsprechend aufgestellte Wirtschaftswissenschaften als integrativer Bestandteil unverzichtbar". Heute gesteht Hommelhoff, der die neuen Pläne nunmehr mit Begeisterung und Engagement verficht, "auch das Rektorat" habe "erst lernen müssen, wie wichtig die Wirtschaftswissenschaften sind". Wenn es wieder einmal Pläne gebe, die Wirtschaftswissenschaften zu schließen, dann gehe "diesmal der Rektor mit auf die Barrikaden". Das Verhältnis zur Universität Mannheim scheint unter dem Gezerre zwar etwas gelitten zu haben, aber Hommelhoff setzt auf "intelligente Lösungen".

Auch mit Blick auf die personelle Ausstattung der Wirtschaftswissenschaften ließ die Kommission keinen Stein auf dem anderen. Dem zwischenzeitlichen Vorhaben, die Zahl der Lehrstühle auf 6 zu reduzieren, hält sie in ihrem Gutachten entgegen: "Wenn das angestrebte interdisziplinäre Profil und das gewünschte hohe wissenschaftliche Niveau erreicht werden sollen, benötigen die Heidelberger Wirtschaftswissenschaften mindestens 10 Professuren." Derzeit sind nur 8 Lehrstühle besetzt; allerdings werden die beiden betriebswirtschaftlichen Professuren voraussichtlich kurzfristig nach Mannheim abgegeben, so daß in Heidelberg nur noch 6 besetzte Lehrstühle verbleiben - und von denen werden drei schon in den Jahren 2008 und 2009 frei. Wenn das neue Konzept greifen soll, steht die Fakultät jetzt somit unter erheblichem Zeitdruck, für eine Aufstockung des Personals zu sorgen. Zupaß kommt ihr dabei die jüngste Entscheidung über die Exzellenzinitiative, bei der Heidelberg hat punkten können: Aus deren dritter Säule sollen der Universität 10 Forschungsprofessuren finanziert werden. Hommelhoff überlegt, mit diesen Mitteln auch "Brückenprofessuren" einzurichten, die den Wirtschaftswissenschaften interdisziplinär verbunden sein könnten, zum Beispiel für das Fach "Law and Economics".

Um die neuen Lehrstühle für Makroökonomik und für Finanzwissenschaft und Institutionenökonomik möglichst rasch zu besetzen, wird jetzt kurzerhand auf thematisch verwandte Berufungslisten zurückgegriffen, die noch aus jenen Neubesetzungsverfahren stammen, die im vergangenen Jahr auf Eis gelegt wurden. Die Verhandlungen mit dem Makroökomen Andreas Irmen (Universität Bozen) und dem Finanzwissenschaftler Lars Feld (Universität Marburg) seien weit fortgeschritten, sagt Hommelhoff - und bemüht sich jetzt um eine Freigabe aus dem Wissenschaftsministerium des Landes. Er erhofft sich eine Zustimmung zum Gesamtkonzept und zur Besetzung der beiden Lehrstühle noch vor der Landtagswahl. Erste Gespräche scheinen recht aussichtsreich verlaufen zu sein. Die Studenten indes sind noch unruhig: "Unsere einzige Sorge ist jetzt Stuttgart", sagt Cosima Steck.

Mittwoch, 15. Februar 2006

Der Stern der Geisteswissenschaften ist noch nicht gesunken

Der Leserkreis von UnternehmensGeist wird immer größer und damit auch die Hinweise und Informationen, die von Euch als Besuchern eingehen. So gelangte ich auch an einen Beitrag des Deutschlandradio Kultur, der sich dem noch erkennbaren aber verblichenen Glanz der Geisteswissenschaften widmet.

Geisteswissenschaften
Der gesunkene Stern der Gelehrten
Ein Stichwort von Ellen Häring

Vorbei ist die Zeit, als der Gelehrte hohes Ansehen in der Gesellschaft genoss und problemlos eine öffentlich bezahlte Anstellung erhielt.

Heute steht der Geisteswissenschaftler im Ruf, als Langzeitstudent die Universitäten zu blockieren, um dann als Taxifahrer seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Denn die brotlose Kunst des Denkens hat auf dem Arbeitsmarkt keine Chance.

Germanisten, Linguisten, Philosophen, Theologen und viele andere Disziplinen, die zu den Geisteswissenschaften und damit zu den "interpretierenden" Wissenschaften gehören, stehen gegenüber den Naturwissenschaften unter gehörigem Druck.

Physiker, Chemiker oder Biologen arbeiten an einer konkreten Sache, forschen und experimentieren und können im besten Fall am Ende mit einem zukunftsweisenden Ergebnis aufwarten: sie helfen, neue Medikamente zu entwickeln, die Entstehungsgeschichte der Menschheit zu verstehen oder entdecken krebserregende Stoffe in Lebensmitteln - Ergebnisse, die sich in bare Münze umsetzen lassen und der Gesellschaft nachvollziehbaren Nutzen einbringen.

Die Geisteswissenschaften haben es ungleich viel schwerer, ihren Nutzwert zu definieren. Konkrete Ergebnisse können sie oft nicht vorweisen, denn ihre Aufgabe ist es, Diskussionen in der Gesellschaft anzustoßen und Entwicklungen zu untersuchen. "Wie wird sich unsere Gesellschaft verändern, wenn die Lebenserwartung weiter steigt?"

"Welche Modelle friedfertiger Gesellschaften gibt es und was können wir daraus lernen?" Das sind zum Beispiel Fragen, mit denen sich Geisteswissenschaftler in NRW gerade im Rahmen eines Forschungsstipendiums beschäftigen. Ob diese Forschungsarbeiten jemals ökonomische Früchte tragen werden, kann heute keiner sagen.

In Zeiten knapper Kassen investieren öffentliche Geldgeber aber lieber in handfeste Forschungsbereiche, also in die Naturwissenschaften. Und deshalb wurde das Budget für Forschung und Lehre in den Geisteswissenschaften in den letzten Jahren immer magerer.

An der mangelnden öffentlichen Anerkennung sind die Geisteswissenschaftler indessen nicht ganz unschuldig. Lange zogen sie sich in den Elfenbeinturm der Universitäten zurück, blieben unter sich und entwickelten einen Fachjargon, den die Öffentlichkeit nicht verstand. Das geisteswissenschaftliche Studium wurde zum Refugium für Studenten, die eigentlich nicht so richtig wussten, was sie wollten und brachte eine Abbrecherquote hervor, die an manchen Universitäten zeitweise bei fast 50 Prozent lag.

Heute erkennt man den Wert der Geisteswissenschaften wieder neu. So hat zum Beispiel die Bildungsforschung ein wesentlich größeres Gewicht bekommen, ein Gebiet, auf dem überwiegend Geisteswissenschaftler arbeiten. Die PISA-Studie wurde in Deutschland maßgeblich von Pädagogen und Erziehungswissenschaftlern durchgeführt. Auch gilt es heute als selbstverständlich, dass sich Naturwissenschaftler und Geisteswissenschaftler ergänzen und im besten Fall zusammenarbeiten sollten.

Der Ethikrat - eingesetzt von der Bundesregierung - wirkt als Korrektiv allzu euphorischer Forscherinteressen und konfrontiert die Naturwissenschaftler mit ethisch-moralischen Fragen. Im Ethikrat diskutieren Theologen, Philosophen und andere Geisteswissenschaftler - teilweise öffentlich unter großer Anteilnahme der Bevölkerung - u.a. über die Frage, wie weit die moderne Forschung gehen darf und wo ihre Grenzen liegen. Hier zeigt sich, welche wichtige Funktion die "modernen Gelehrten" einnehmen können und auch, dass die Gesellschaft ein offenes Ohr für die Argumente der Geisteswissenschaftler hat - vorausgesetzt sie drücken sich verständlich aus.

Montag, 6. Februar 2006

Nie mehr zweite Liga ...

... sollte das Credo der Geisteswissenschaften in Deutschland lauten. Jetzt wo der erste Kampf um die Forschungsmillionen ausgestanden ist, da scheint neben den nichtbedachten Bundesländern ein klarer Verlierer festzustehen: die Geisteswissenschaften. Und weil dem chronisch versetzungsgefährdeten Schüler geholfen werden muss, hält der Spiegel eisern die Fahnen für ihn hoch. Das haben wir zwar alles schon mal irgendwo gelesen und gehört; der Allgemeinheit können die Vorteile dieser Fächer aber nicht häufig genug vorgesetzt werden. Dass im gleichen Atemzug die enormen Probleme bei Forschung, Lehre und Berufseinstieg diskutiert werden, gibt Anlass zur Hoffnung.

Ehrenrettung für den Denker

Von Jan Friedmann

Sie sind ein bisschen schief ins Leben gebaut und laufen beim Arbeitsamt unter "schwer vermittelbar". Jetzt kuriert der Wissenschaftsrat das lädierte Image der Philosophen, Historiker, Romanisten: Kulturell und politisch wichtig seien sie - und nützlich ebenso.

Geisteswissenschaftler verzetteln sich gern in den Verästelungen ihrer Disziplinen und vergraben sich so lange im Studierstüblein, bis sie für den Arbeitsmarkt nicht mehr zu gebrauchen sind. Schaffen sie nicht den Sprung auf einen der raren Professorenposten, enden die Schöngeister als mittellose Exzentriker, deren gesellschaftliches Prestige knapp über dem von Sozialhilfeempfängern liegt.

Soweit das gängige Klischee über Geisteswissenschaftler - zugespitzt zwar, aber in abgeschwächter Form durchaus salonfähig. Die Geisteswissenschaften, einstmals die akademische Königsdisziplin, haben in der gegenwärtigen Debatte um den Wert einzelner Hochschuldisziplinen einen schweren Stand.

Der unmittelbare wirtschaftliche Nutzen von Ingenieur-, Wirtschaft- und Naturwissenschaften scheint auf der Hand zu liegen, die Geisteswissenschaften gelten dagegen als Verlustbringer. Während jeder 08/15-BWLer seinen vermeintlichen Marktwert mit stolz gegeltem Kamm vor sich her trägt, bekommen angehende Germanisten, Soziologen und Historiker schon im ersten Semester eingeredet, sie sollten besser neben den Seminar- auch einen Taxischein erwerben.

Grundlose Panik

Dass solche Panikmache Humbug ist, merken die meisten Geisteswissenschaftler erst, wenn sie dann doch den Sprung in den Beruf schaffen. Eine aktuelle Studie des Wissenschaftsrates ist jedoch dazu geeignet, dass lädierte Ego der Geisteswissenschaftler schon früher aufzurichten. "Die Leistungen der Geisteswissenschaften sind in der Forschung ebenso wie in der Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses sehr gut und international anerkannt", resümiert eine Arbeitsgruppe von deutschen und internationalen Experten, die sich der geschmähten Disziplinen angenommen hat.

Das 160 Seiten starke Positionspapier mit dem Titel "Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland" wurde Montag in Berlin vorgestellt. "Unser zentrales Anliegen ist die Stärkung der Geisteswissenschaften in den Universitäten", sagt Karl Max Einhäupl, Vorsitzender des Wissenschaftsrates.

Die renommierte Wissenschaftsorganisation verwehrt sich gegen eine "deplatzierte Krisenrhetorik" und verweist auf Erhebungen, wonach 73 Prozent der geisteswissenschaftlichen Absolventen fünf Jahre nach ihrem Abschluss einen festen Job haben. Das liegt nicht allzu weit unter dem Mittelwert aller Studienfächer von 87 Prozent. Das "Tätigkeitsspektrum" von Geisteswissenschaftlern habe sich erheblich erweitert. Der Wissenschaftsrat führt als Arbeitsfeld "Hochschul-, Forschungs- und Kultureinrichtungen" an, die Medien sowie "Dienstleistungen bis hin zu Handel, Transport oder Wirtschaftsberatung".

"Kulturelle und politische Selbstvergewisserung"

Die scheinbar nutzlosen Fächer bereiten aber nicht nur auf den Beruf vor. Der Wissenschaftsrat weist ihnen auch eine höhere Aufgabe zu: Die Geisteswissenschaften wirkten "gleichermaßen an der kulturellen und politischen Selbstvergewisserung Deutschlands und an der ökonomischen Wertschöpfung mit", heißt es in dem Papier.

Willkommener Zuspruch für gebeutelte Disziplinen, stehen die Geisteswissenschaften doch auf den Streichlisten klammer Finanzminister ganz oben. Auch bei der Verteilung von neuen Geldern haben sie einen schweren Stand. Vor rund einer Woche mussten die Geisteswissenschaften ihren jüngsten Dämpfer erdulden: Die Liste der Projekte, die im Rahmen der Exzellenzinitiative gefördert werden, führt hauptsächlich Eingaben aus Technik und Naturwissenschaften.

So werden die Geisteswissenschaften gleich von zwei Seiten bedrängt: Ihre breite Basis wird in Frage gestellt, indem man ihnen die Mittel entzieht. Und in die Spitze heben will sie auch niemand so recht. Der Wissenschaftsrat ermahnt deshalb die Bildungspolitiker mit gutem Grund, einen "Kernbestand geisteswissenschaftlicher Disziplinen" zu erhalten. Dazu zählen die Experten folgende fünf Kompetenzbereiche, die unbedingt zu einer Volluniversität gehören sollten: Erstens Sprachen und Texte, zweitens Bild, Musik und Theater, drittens Geschichte und Gesellschaft, viertens Erkenntnis, Ethik und Religion und fünftens außereuropäische Wissensbereiche.

Betreuung verschlechtert sich weiter

Um ihre Kräfte zu bündeln, sollten Geisteswissenschaftler aber stärker interdisziplinär arbeiten und sich auf ihre Kernkompetenzen und zentralen Methoden besinnen. Zusätzlich regt der Wissenschaftsrat an, nach angelsächsischem Vorbild bis zu 20 "Institutes for Advanced Studies" einzurichten, in denen sich Hochschullehrer und Gastwissenschaftler der Forschung widmen können.

Das alles geht nicht ohne zusätzliches Geld. Ohne "substantielle Mittelzuwächse", so der Wissenschaftsrat, seien die Forschungsleistungen bedroht. Der Sparkurs belastet vor allem die Lehre: In geisteswissenschaftlichen Studiengängen kam im Jahr 2003 ein Professor auf 93,7 Studenten, während es vier Jahre zuvor noch 75,3 Studenten waren. Ein Zehntel des gesamten Wissenschaftspersonals an Hochschulen unterrichtet ein Viertel der gesamten Studenten. Die Fächergruppe der Geisteswissenschaften muss dabei mit einem Zehntel der Hochschulausgaben auskommen.

Rund 45 Prozent der potentiellen Geisteswissenschaftler brechen ihr Studium ab, fast doppelt so viele wie in den anderen Fächern. Diese Quote wird sich in den kommenden Jahren eher noch verschlechtern: Die Fakultäten erwarten weitere Stellenkürzungen, bei gleichzeitig steigenden Studentenzahlen.

Die Werbeoffensive fällt mit einer Personalie zusammen, die ebenfalls die Geisteswissenschaften stärken könnte: Neuer Vorsitzender des Wissenschaftsrates wird der Münchner Altgermanist Peter Strohschneider. Er löst den Neurologen Karl Max Einhäupl an der Spitze des Expertengremiums ab.

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