Als ich die Artikelserie in der
ZEIT (22.04.05, Nr. 18) zur Krise der Geisteswissenschaften im April las, war die Idee für UnternehmensGeist.net noch nicht geboren und daher wanderte die Ausgabe ungenutzt in den Papierkorb. Durch einen Bericht bei
Perlentaucher wurde ich wieder darauf gestoßen. Der ehrliche
Artikel von Martin Spiewak muss jedem Geistes- und Sozialwissenschaftler aus dem tiefstem Herzen sprechen. Da die Adressaten des Artikels zufäligerweise auch gleichzeitig die Zielgruppe der Wochenzeitung sind, ist sicher gestellt, dass die Botschaft auch ankommt!
Rettet euch selbst, sonst tut es keiner
Die Geisteswissenschaften sind für die Zukunft schlecht gerüstet. Sie müssen sich ändern. Oder untergehen
Von Martin Spiewak
Nichts ist für die Geisteswissenschaften so beständig wie die Krise. Die Schriften zum Thema „Krise und Zukunft der Geisteswissenschaften“ sind mittlerweile zu einem eigenen literarischen Genre geworden. Und dennoch leben sie noch immer, die Germanisten, Historiker und Philosophen, die Altsprachler und Theologen. Und das nicht schlecht. Betrachtet man die Zahlen, könnte man gar von einer Blüte sprechen. Von Jahr zu Jahr sind die Studentenzahlen in den Sprach-, Kultur- sowie Sozialwissenschaften stetig gestiegen. Nie waren sie so hoch wie heute. Das Gleiche gilt für das Personal: Mehr als 20000 Beamte und Mitarbeiter für geisteswissenschaftliche Angelegenheiten leistet sich Deutschland. Am forschenden Nachwuchs mangelt es ebenso wenig. 2500 Dissertationen entstehen jährlich an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Allein bei den Historikern warten 250 Privatdozenten auf eine Professorenstelle.
Welche Krise also?, könnte man fragen – und antworten: Allein die Finanzen stecken in einer Krise. Mehr Geld für Lehre und Forschung, und dann lasst uns in Ruhe. Viele Professoren denken so, vielleicht die Mehrheit. Sie sind die Totengräber ihrer Disziplin. Denn die Rechnung wird nicht aufgehen. Weder wird man die Geistes- und Sozialwissenschaften in Ruhe lassen noch ihnen mehr Geld geben. Die akademischen und gesellschaftlichen Bedingungen wissenschaftlichen Arbeitens sind nämlich dabei, sich grundlegend zu verändern. Früher konnten sich Geisteswissenschaftler auf eine kulturelle Prägung verlassen, die Politik und Gesellschaft verband. Wer wollte damals bestreiten, dass das Studium Hölderlinscher Gedichte per se sinnvoll ist? Heute jedoch existiert ein kultureller Kanon nicht mehr, der Distinktionswert historischer oder literarischer Bildung verblasst. Einem Helmut Kohl war die „Geschichte“ noch eine politische Kategorie; für seinen Nachfolger ist sie nicht viel mehr als ein Redeversatzstück.
Heute muss Wissenschaft etwas nützen und dafür selbst den Beweis erbringen. Das war früher anders. Da stellten Staat und Gesellschaft ihren Forschern Stellen und Räume zur Verfügung, ohne dafür Rechenschaft zu verlangen. Man vertraute auf die inneren Spielregeln des akademischen Systems und meinte, dass Wissenschaft dann den größten Gewinn für die Allgemeinheit bringt, wenn man sie mit sich allein lässt. Dieser „Gesellschaftsvertrag für die Wissenschaft“ steht heute zur Disposition, sagt der Bielefelder Soziologe Peter Weingart.
Versuchens Sie es doch mal!
Alle Disziplinen sehen sich mit der Frage konfrontiert: Was gibt die Wissenschaft der Gesellschaft zurück? Wer seine Existenzberechtigung nicht begründen, die Qualität von Forschung und Lehre nicht belegen kann, dem drohen Sanktionen. Denn unter dem Druck des Wettbewerbs und der leeren Kassen werden die Hochschulen nicht mehr das gesamte Fächerspektrum anbieten können. Sie werden einige Fachbereiche stärken, andere ausdünnen oder völlig schließen. Welche Schwerpunkte gesetzt werden, zeigen jüngste Beispiele.
Für die Hamburger Hochschulen schlug die Dohnanyi-Kommission vor, die geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer um ein Viertel ihrer Studenten zu erleichtern. Als man den Berliner Finanzsenator fragte, wo er bei den Hochschulen seiner Stadt noch Sparpotenziale sehe, fielen ihm die Geistes- und Sozialwissenschaften zuerst ein. In Zukunft wird es nicht einmal mehr die böse Politik brauchen, um die einen Disziplinen zu fördern und die anderen zu stutzen. Ausgestattet mit mehr Autonomie und globalen Budgets, werden die Universitätsleitungen das Geschäft übernehmen. Würden sie es nicht tun, hätten sie ihren Job verfehlt.
Es fehlen sogar Grundfertigkeiten
Man mag diese Trends kritisieren, umdrehen kann man sie nicht. Und wie verhalten sich die deutschen Geisteswissenschaften? Bestenfalls abwehrend und defensiv. Wie sind sie gerüstet für den Wettbewerb um Geld, Aufmerksamkeit und einen bedeutenden Platz in der Universität? Denkbar schlecht. Ihre Wirkung nach außen ist gering. Ihre Bereitschaft zur Qualitätskontrolle scheint ebenso minimal wie ihr Veränderungswille. Dabei hätten sie mehr als alle anderen Fächer Anlass zur Reform. Zum Beispiel in der Lehre. Jeder zweite Student der Geistes- und Sozialwissenschaften braucht deutlich länger bis zum Examen als vorgesehen. Philosophen und Historiker bleiben rund 14 Semester an der Universität. Germanisten und Soziologen ein Semester weniger – wenn sie es denn so weit bringen. Denn auf der Rangliste der Fächer mit den höchsten Abbrecherquoten besetzen Geistes- und Sozialwissenschaften die ersten fünf Plätze; vorneweg die Philosophie: Hier gelangt nur einer von acht Studienanfängern zum Examen.
Die Bildungspolitik trifft an diesem Missstand große Mitschuld. Sie bürdete den billigen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern die Hauptlast der Bildungsexpansion auf. Auch die Studenten machen es ihren Fächern nicht immer leicht. Viele Sprach- und Kulturwissenschaftler wählen ihr Fach aus Verlegenheit. Zudem arbeiten sie „seltener für das Studium“, wie eine vom Bundesbildungsministerium herausgegebene Studie formuliert. So hatten von den Anglisten nur 37 Prozent den festen Willen zu studieren, während die Studenten der Soziologie die 30-Stunden-Woche verwirklichen – im laufenden Semester wohlgemerkt.
Die Hauptverantwortung liegt jedoch bei den Fachbereichen und ihren Professoren. Selbst nach 20 Jahren haben sie aus den Missständen keine Konsequenzen gezogen.
Der Studienplan für angehende Historiker oder Literaturwissenschaftler ist weiterhin auf den Lehrerberuf oder die Universitätskarriere zugeschnitten. Dabei beenden zwei Drittel der Geschichtsstudenten ihre Unijahre nicht mit dem Staatsexamen, sondern mit dem Magister. Einen Einstieg in einen Beruf außerhalb von Schule und Hochschule bietet dieser Abschluss nicht.
Selbst fünf Jahre nach ihrem Examen besetzen nur 42 Prozent aller Geistes- und Sozialwissenschaftler eine unbefristete Vollzeitstelle, zeigt eine Absolventenstudie des Hochschul-Informations-System (HIS). Als HIS-Mitarbeiter Magisterabsolventen nach dem Wert ihrer Universitätsausbildung fragten, gab nur ein Viertel an, das Studium habe ihnen Berufskenntnisse vermittelt.
Dabei wünscht sich die Mehrzahl der Studenten mehr Praxisbezug und eine bessere Berufsorientierung. Die Universität ignoriert diess weitgehend. In der Regel bekommt der Student noch nicht einmal Grundfertigkeiten wie gutes Schreiben, Argumentieren oder Präsentieren von Ergebnissen vermittelt. Wer es nicht schon vorher kann, lernt es weder im Studium noch – wenn er der Wissenschaft treu bleibt – bei Promotion oder Habilitation.
Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass die Früchte geistes- und sozialwissenschaftlichen Schaffens einem größeren Publikum verschlossen bleiben. Zwar erfreuen sich historische Themen großer Beliebtheit. Doch die deutsche Geschichtswissenschaft profitiert davon kaum. Wo bleiben die populären Bücher deutscher Historiker? Nun könnte man einwenden, kein Universitätsprofessor wolle auf dem Niveau von Guido Knopp schreiben. Doch es geht auch anders. Ian Kershaws Hitler-Biografie zum Beispiel wurde ein großer Erfolg, geschrieben von einem britischen Universitätshistoriker.
Erfolgreiche Außenseiter
Die letzte große historische Debatte hat ein Publizist angestoßen, einer ohne Studium übrigens: Jörg Friedrich mit seinem Buch Brand (Propyläen Verlag). Und auch die Wehrmachtsdebatte wurde von einem Institut initiiert, das nur eine lose Verbindung zur Universität hält. Dabei steht die Geschichte, was Resonanz und Relevanz angeht, noch vergleichsweise gut da. Wo liest man von Deutschlands Germanisten außer in ihren Fachjournalen? Kants Welt (Rowohlt Verlag) erschließt Leben und Denken des Philosophen einem breiten Publikum. Sein Autor, Manfred Geier, hat zwar ein „Prof.“ vor dem Namen. Mit der Universität hat er jedoch längst nichts mehr zu schaffen.
Nun sollen nicht alle habilitierten Geisteswissenschaftler versuchen, Bestseller zu schreiben. Den ein oder anderen würde man sich indes schon wünschen. Insbesondere verbeamtete Forscher haben den Auftrag, ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und sich aktuellen Fragen zu widmen. Sie nutzen damit der Stellung ihres Faches wie sich selbst. Doch bis auf Ausnahmen sind die großen Themen der Zeit – die neuen Erkenntnisse der Gen- und Hirnforschung, der kulturelle und soziale Zerfall der westlichen Gesellschaften, die Folgen von Migration und Globalisierung – noch nicht im Zentrum der Kultur- und Sozialwissenschaften angekommen. „Engagement und Schärfe werden nur aufgeboten, wenn es um die Wissenschaftspolitik geht, also pro domo“, schreibt der Sozialpsychologe Harald Welzer in der SZ über seine Kollegen.
Wie es um die Qualität der geisteswissenschaftlichen Forschung bestellt ist, darüber können sich Außenstehende kaum ein Urteil bilden. Naturwissenschaftler haben Nobelpreise und Patente. Ihre Beiträge müssen sich einem internationalen Expertenurteil stellen, bevor sie in einer Zeitschrift gedruckt werden. In den Geistes- und Sozialwissenschaften fehlen solche Bewertungsmerkmale. Drittmittel wären ein Kriterium. Doch anstatt dieses Kriterium anzuerkennen, polemisieren viele Vertreter der Zunft gegen die „Diktatur der Drittmittel“ und tun so, als ob es für Geisteswissenschaftler keine Fördergelder gebe. Das Gegenteil ist der Fall: Die Förderquote bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) stagniert seit vielen Jahren bei rund 15 Prozent – nicht weil es an Geld, sondern weil es an aussichtsreichen Anträgen mangelt.
Es besteht die Gefahr, dass sich die Geistes- und Kulturwissenschaftler so lange allen Evaluationsbestrebungen verweigern, bis andere das Geschäft für sie übernehmen. So läuft es bei der Reform der Studienstrukturen, so lief es bei der Habilitation. Die Probleme bei der Ausbildung des akademischen Nachwuchses, zum Beispiel das hohe Alter der Privatdozenten, waren seit Jahren bekannt. Getan hat sich nichts. Erst als Bildungsministerin Edelgard Bulmahn die Habilitation abschaffte und den Juniorprofessor installierte, war das Wehklagen groß. Auch die Umstellung auf Bachelor und Master ist angesichts der beschriebenen Probleme der Lehre eine historische Chance für die Geisteswissenschaften. Doch anstatt sich an die Spitze der Bewegung zu setzen, verharren die meisten Fakultäten in einer Duldungsstarre. Schuld haben ohnehin stets die anderen: die Gymnasien, die die Abiturienten schlecht ausbilden. Die Studenten, die nicht lesen. Die Politiker, weil sie zu wenig Stellen schaffen.
Doch selbst wenn alle diese Vorwürfe stimmten: Die Antwort der Universität darf niemals Attentismus sein. Wenn die Studenten lesefaul sind: Warum führt man keinen Lesekanon ein und prüft ihn? Wenn die Erstsemester schlecht vorbereitet aus den Schulen kommen: Warum verordnet man wie in den USA keine Lese- und Schreibkurse? Viel wurde in der Vergangenheit über den Sinn der Geisteswissenschaften diskutiert, ob sie Orientierung bieten oder Modernisierungsschäden kompensieren sollen.
Solche theoretischen Debatten sind überflüssig, wenn die Geisteswissenschaften ihre Aufgaben erfüllen. Dann werden sie kein Problem haben, ihre Bedeutung zu verteidigen. Der Schmollwinkel ist dafür nicht geeignet.