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Das interdisziplinäre Business-Weblog UnternehmensGeist steht allen offen, die sich mit Fragen rund um das Verhältnis von Geistes- und Sozialwissenschaften und betriebswirtschaftlichem Management beschäftigen wollen. Eigene Beiträge und Kommentare sind jederzeit willkommen. Herausgeber und ViSdP ist Frank Walzel. Kontakt: walzel@unternehmensgeist.net

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Treffende Worte
Treffender als Sie, Herr Widmer, hätte man es...
unternehmensgeist - 16. Nov, 17:03
Argumente müssen...
In dieser Sache gibt es, so denke ich, einen großen...
unternehmensgeist - 8. Nov, 11:43
Alles lesenswert
Vielen Dank für den netten Nachtrag zum Wirtschaftsbuchpreis,...
unternehmensgeist - 6. Nov, 19:19
Historische Vorbelastung
Bei dem Wort "Unterbewusstseinssteuerun g" zuckt das...
unternehmensgeist - 13. Okt, 09:40
Vernetzung bei Führungsthemen
Es freut mich im Internet auf Menschen zu treffen,...
unternehmensgeist - 26. Sep, 18:38

Pressespiegel

Donnerstag, 14. September 2006

Das Handelsblatt und ihr neuer Feuilleton

Wer sagt eigentlich, dass Wirtschaftszeitungen nicht auch Themen aus anderen Wissensbereichen aufnehmen und diskutieren? Nun, bis vor kurzem hätte ich diese Behauptung nicht so einfach unterschrieben. Doch dann stieß ich auf dem Online-Portal des Handelsblatts neben den vielen wirtschaftsrelevanten Rubriken wie UNTERNEHMEN, BÖRSE, ZERTIFIKATE + FONDS, VORSORGE + ANLAGE, etc. auch auf den Bereich WISSENSCHAFT + DEBATTE. Und siehe da neben Unterkapiteln wie ÖKONOMIE, ESSAY, NATURWISSENSCHAFTEN und LITERATUR finden sich auf einmal Beiträge zu den GEISTESWISSENSCHAFTEN.

Die Idee der Online-Redaktion klingt wie der Wahlspruch des Feuilleton: "Phänomene der Sozial- und Geisteswissenschaften bekommen hier ihr Forum." Jeder Beitrag kann nämlich in der Tat in einem Forum diskutiert werden. Dies soll jetzt aber nicht so klingen, als wollte ich mich darüber amüsieren oder lustig machen. Das Gegenteil ist der Fall: Auswahl und Aufmachung der Artikel sind absolut lesens- /sehenswert! Da finden sich u.a. Titel wie Der Printausgabe des Haus- und Hofblatts der deutschen Wirtschaft kann man nur wünschen, mehr von den "Exotenfächern" zu berichten, schließlich ist Wirtschaft viel mehr als BWL/VWL...oder wie ein deutsches Wirtschaftsmagazin in ihrem Slogan so schön sagt: "Nichts ist spannender als die Wirtschaft!"

Donnerstag, 13. Juli 2006

Literaturtipp: Wie finanziere ich mir Master oder MBA?

Die einen wollen direkt nach dem Studium weiterstudieren, da selbst ein sehr guter Studienabschluss längst keinen optimalen Job mehr garantiert. Die anderen haben schon eine Stelle, möchten aber eine akademische Weiterbildung machen, um sich für einen besseren Posten zu qualifizieren. Und für eine weitere Gruppe ist Masterabschluss ein möglicher Weg aus der Arbeitslosigkeit. Die Motive, sich für ein Studium mit Option auf den Mastertitel zu entscheiden, sind so vielfältig wie die Finanzierungsmöglichkeiten.

Das Buch von Simone Janson ("InsidePaper: Finanzierung von MBA- und Masterstudiengängen") gibt einen umfassenden und ausführlichen Überblick. Erstmals geht es hier neben den zahlreichen Stipendien im In- und Ausland vor allem auch um staatlichen Fördermöglichkeiten und Bildungskredite. Dabei werden den Weiterbildungswilligen neue Alternativen aufgezeigt und die rechtlichen Grundlagen für Förderanträge vermittelt. Denn nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch durchsetzen.

Donnerstag, 15. Juni 2006

Literaturkurs für Harvard-Managerausbildung

Im "Harvard Business manager" (Mai 2006) beschreibt in einem Gespräch ein Dozent der Harvard Business School, wie er mit Belletristik Managern Führungsqualitäten vermittelt.
Hier eine Zusammenfassung:
Joseph Badaracco sagt, "MBA-Studenten bräuchten vielleicht etwas weniger Wissen über quantitative Tools und etwas mehr Urteilsvermögen, Selbsterkenntnis sowie ein tieferes Verständnis des menschlichen Wesens". Formelhafte Managementtools würden vielleicht gut funktionieren, wenn man Techniken zur monetären Bewertung studiert. "Sie sind aber weniger hilfreich, wenn man sich mit Fragen der Führung und Organisation beschäftigt. Studenten könnten wesentlich mehr über diese Themen lernen, wenn sie einen Literaturkurs belegten. Romane können hier so lehrreich sein wie jedes Business-Lehrbuch", so Badaracco.
Der Dozent nutzt Literatur, um seinen Studenten komplexe Bilder von Führungspersönlichkeiten aus allen Schichten zu liefern. Diese literarischen Personen seien mit Herausforderungen insbesondere psychologischer Art konfrontiert, die denen von Managern gleichen. Texte wie Sophokles "Antigone" helfen, Fragen der Führung, Entscheidungsfindung und der moralischen Wertung besser zu verstehen.
Die Literatur liefere die kraftvollsten und fesselnsten Fallstudien, die je geschrieben wurden. "Denken Sie an Shakespeares "Julius Caesar": Aus diesem Stück kann man genauso viel über Führung lernen wie aus der Lektüre irgendeines Wirtschaftsbuchs oder einer wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschrift. Seine Lektionen sind mit Sicherheit nicht weniger wertvoll und womöglich ebenso pragmatisch."
Im Gegensatz zu zeitgenössischer Management-Literatur, die gnadenlos euphorisch daherkommt, sei Belletristik schonungslos realistisch. "Wir finden dort keine schnellen Inspirationstreffer, keine Geschichten von ungetrübtem Erfolg und keine Fünf-Schritte-zum-Glück-Programme. Die in der Literatur dargestellten Führungspersönlichkeiten stürzen zuweilen und müssen oft kämpfen. [...] Wenn Manager von den Kämpfen literarischer Figuren lesen, können sie ihre eigenen Konflikte besser verstehen."

Dienstag, 30. Mai 2006

Geistes- und Sozialwissenschaftler: Munition fürs Vorstellungsgespräch

Warum wird Bewerbern in Assessment-Centern nicht mal die Frage gestellt: Welchen Beruf würden Sie als Geistes- und Sozialwissenschaftler ausüben und was könnten Sie Unternehmen als zukünftige Mitarbeiter bieten? Selbst rhetorisch versierte "Exoten" dürften da (wenn sie unvorbereitet sind) ins Grübeln geraten und nach Worten ringen. Eine Argumentationshilfe für das Vorstellungsgespräch liefert der SZ-Artikel "Argumente für Geisteswissenschaftler" (21.10.2002).

Was also haben Geisteswissenschaftler der Wirtschaft prinzipiell zu bieten?

Empathie für „humanes Kapital“. Da Mehrwert immer weniger aus Rohstoffen, Energie und herkömmlicher Arbeit entsteht, müssen Mitarbeiter auf eine neue Art und Weise betrachtet werden. „Wer als einziges Instrument einen Hammer hat, neigt dazu, alles wie einen Nagel zu behandeln“, warnte einst der Motivationspsychologe Abraham Maslow. Wer Mitarbeiter nur durch die betriebswirtschaftliche Brille betrachtet, kann der Realität nicht gerecht werden.

Eine eher ganzheitliche Betrachtung von Strukturen und Prozessen. Genau hier gibt es in vielen Betrieben erhebliche Defizite, denn Mitarbeiter und Führungskräfte sind vorrangig immer noch auf Organisationseinheiten und Aufgaben fixiert („Kästchendenken“).

Beherrschung von Komplexität. Wer beispielsweise als Student/in der Geschichte gelernt hat, Ereignisse in ihren Neben-, Fern- und Wechselwirkungen zu betrachten, könnte dieses dringend notwendige Know-how auch auf ein komplexes Wirtschaftsgefüge übertragen.

Der Faktor Kultur bestimmt zunehmend den Geschäftsverlauf. Immer mehr Firmen müssen sich mit fremden Kulturen auseinandersetzen, wenn sie die Zukunft gewinnen wollen. Interkulturelle Kompetenz ist eine Schlüsselqualifikation, die zunehmend an Bedeutung gewinnt und mit der sich im Zweifelsfall insbesondere Geisteswissenschaftler empfehlen können.


Wie soll es auch anders sein: Die Krise des einen (homo oeconomicus) ist der Aufwschung des anderen (homo sociologicus) :-).

Samstag, 27. Mai 2006

Der Wandel in der Wirtschaft kommt - als Online-Magazin!

Wann kann man schon sagen, dass ein dreistündiges Probeabo ausreichte, um sich von einem Magazin zu überzeugen? Tatsächlich aber reichte mir diese Zeit, um mich davon zu überzeugen, dass das Online-Magazin changeX die Sorte Artikel liefert, die ich für UnternehmensGeist mühsam im Internet recherchieren müsste. Das Magazin bietet eine interessante "Querdenke" an den Nahstellen von Wirtschaft und Gesellschaft und bezeichnet sich selbst als "das führende Online-Medium für Entscheider und Multiplikatoren, die den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft konstruktiv begleiten und mitgestalten wollen". Da sich die Idee hinter dem Magazin so nur vage erahnen lässt, lieferten die Macher noch eine Erklärung ihres Selbstverständnisses nach:

In fundamentalen gesellschaftlichen Krisen wie derzeit bleiben viele Akteure und Themen unsichtbar, die konkret auf Veränderung und Neuorientierung setzen. Die Blockbuster-Medien suhlen sich im alten Erklärungsmorast. Sie rezitieren aber nur das tägliche Krisengeschnatter alter Bekannter und Verdächtiger. Deren Lösungen bleiben das Problem. changeX lässt jene zu Wort kommen, die sich und ihre Organisationen verändern, über neue Leitbilder nachdenken und eine mutigere Zukunft entwerfen wollen. Wir wollen ein Online-Magazin gegen Stagnation und Müdigkeit sein. Etwas pathetisch: für eine bessere Gesellschaft.

Obwohl das Angebot von changeX (größtenteils) kostenpflichtig ist, verzichtet es auf jede Werbung und setzt voll und ganz auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Wenn das so ist, trage ich gerne dazu bei, gute journalistische Arbeit zu unterstützen und fortschrittliche Themen einem größerem Leserkreis bekannt zu machen. Es war auch höchste Zeit, dass "brand eins" und "Cicero" ein digitales Pedant erhalten haben.

Mittwoch, 24. Mai 2006

War es das jetzt mit der "Generation Praktikum"?

Da hatte sich bei mir der Eindruck festgesetzt, dass an der "Generation Praktikum" wirklich etwas dran ist und jetzt behauptet FAZ-Redakteur Sven Astheimer in einem Kommentar (FAZ, Nr. 115, 18.06.06, S. 13), es handele sich hierbei um eine "Mär von der Generation Praktikum". Was soll man nun glauben? Auf sein Gefühl vertrauen und weiter nach Statistiken suchen, die die Praktikantenheere ausweisen oder wie Astheimer auf den demographischen Wandel und den steigenden Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften setzen?

Noch weniger begründet scheinen Sorgen um die künftigen Beschäftigungschancen von Akademikern. Fachleute wie die Soziologin Jutta Allmendinger, Leiterin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, erwarten, daß diese weiter steigen. Denn die kontinuierliche Veränderung im Beschäftigungssystem einer Dienstleistungsgesellschaft geht einher mit einer steigenden Nachfrage nach Höherqualifizierung. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Erwerbspersonen bis zur Mitte des Jahrhunderts stark ab. Dieser demographische Wandel wird für einen Mangel an Hochqualifizierten sorgen.

Nur gut, dass Astheimer auch ein Herz für Geistes- und Sozialwissenschaftler hat und ihnen gegenüber Ingenieuren und Betriebswirten bessere Karten für die Zukunft auf den Tisch legt:

Künftig dürfte sich die Tür zum Arbeitsmarkt auch für andere Akademikergruppen ein ganzes Stück weiter öffnen - Geistes- und Sozialwissenschaftler etwa, um deren Chancen es heute noch deutlich schlechter bestellt ist als um die von Ingenieuren oder Wirtschaftswissenschaftlern.

Wenn man in Betracht zieht, dass die Tür noch nie sehr weit offen stand (höchstens einen Spalt, um hineinzulugen), werden die "Exoten" also zukünftig immerhin einen Fuß in der Tür unterbringen. Zu verdanken haben sie das (hört, hört!) den "Arbeitstechniken"; auf UnternehmensGeist und anderswo wird auch gerne mal vom alten Hut der Methodenkompetenz geistes- und sozialwissenschaftlicher Absolventen gesprochen.

Denn gefragt sein werden in Zukunft vor allem die Arbeitstechniken, die sich Studenten aneignen: etwa methodisch und strategisch vorzugehen, Netzwerke aufzubauen und sich Inhalte schnell aneignen und präsentieren zu können.

Wenn das ein Anforderungsprofil zukünftiger Akademiker sein soll, dürften Geistes- und Sozialwissenschaftler bald im oberen Mittelfeld mitspielen, um in der Fußball-Rhetorik zu sprechen. Allerdings werde ich den Eindruck nicht los, dass Astheimer eher auf Großunternehmen abzielt, während die "Generation Praktikum" v.a. in kleineren Unternehmen, sprich KMU, anzutreffen ist. Dort muss aus Inhaber-/Unternehmersicht auf die "(Arbeits-)Kostenbremse" gestiegen werden. Anstand und Moral bleiben da "zum Wohle und Erhalt der Firma" sprichwörtlich auf der Straße, denn in den Büros haben sie keinen Platz. Ich halte daher Astheimers Abgesang über die "Generation Praktikum" für übertrieben, da er die momentane Situation und die volle Breite der Diskussion ausklammert bzw. einfach ignoriert.

PS: Gegen seine Prognose hätte ich allerdings auch nichts einzuwenden.

Montag, 22. Mai 2006

Geschlossene Gesellschaft: Zutritt nur für "Exoten"

Das muss gefeiert werden: Ganze 100 Artikel gibt es mit diesem Beitrag auf UnternehmensGeist! Während am Anfang eher die Jobchancen von Geistes- und Sozialwissenschaftlern im Mittelpunkt standen, sind im Laufe der Zeit auch andere Wirtschaftsthemen hinzu gekommen. Zum Jubiläum sollte es aber ein Fundstück aus dem Netz geben, das auch in der ersten Stunde online gegangen wäre. Ein Student der HU Berlin bringt die Jobsituation für uns "Exoten" besser zu Papier als ich es ja könnte. Danke an den unbekannten "Exoten".

Nur für Exoten!
Geisteswissenschaftler und die fachfremde Berufswelt

von Christian

Hochschulanzeiger Nr. 46, Praktikumsbörse. Es sind einige namhafte Unternehmen aufgelistet, die PraktikantInnen für angeblich unterschiedlichste Tätigkeitsbereiche suchen. Interessant ist zunächst nicht die ‘Branche’ oder eine ‘Unternehmensphilosophie’, sondern vielmehr die ‘Zielgruppe nach Fachbereichen’ oder auch das ‘Anforderungsprofil’. Beim Überfliegen dieser Sparten entsteht ein unangenehmer Eindruck: in dieser Börse ist für den Geisteswissenschaftler explizit so gut wie gar nichts ausgeschrieben. Wenn es um einen beruhigenden Gedanken an die beruflich-finanzielle Zukunft geht, müßte man Wirtschafts- oder Ingenieurwissenschaftler sein, ein Wirtschaftsinformatiker auch ohne die Wirtschaft, Mathematiker oder Verfahrenstechniker. Auf dem Studierendenausweis steht aber was von Philosophie und Geschichte, was dem Begriffe nach nicht ohne Umwege mit ‘Wirtschaft’ zu verbinden ist.

Auf den ersten Blick sieht es also für die Geisteswissenschaftler mau aus, wenn sie sich auf die Suche nach fachfremden Berufsfeldern machen. Nirgends ist die Rede von Philosophen, Ethnologen, oder Politologen, da findet sich schon eher mal die Soziologie in den Anforderungsprofilen wieder. Also bleibt nur das Museum, vielleicht ein Platz im Zeitungswesen in einer Redaktion beim Fernsehen. Die Option zu promovieren schwingt gedanklich immer mit, ein Job an der Uni wäre auf jedenfalls nicht verachtenswert. Organisationen für kulturelle Einrichtungen aller Art, also über die Museen hinausgehend, könnten eventuell Interesse haben, möglicherweise fällt auch die Arbeit bei einem Verlag in Betracht. Es sind die beruflichen Inseln der Geisteswissenschaftler, die hiermit gedanklich abgegrast werden, die Wirkungsstätten, die noch eine Verbindung zu den Studieninhalten garantieren. Bei den genannten Branchen könnten wenigstens die Arbeitsmethoden übernommen werden, wenn schon die Inhalte auf der Strecke bleiben müssen, da das allgemeine Bedürfnis an Historikern oder Philosophen in ihrem ursprünglichen Tätigkeitsbereich mehr als gedeckt zu sein scheint. Im Verlag kann man weiter lesen, zu den Texten eine Stellungnahme abgeben und über deren Inhalte sinnieren, wenn auch nicht mehr unbedingt wissenschaftliche Themen im Mittelpunkt stehen. Ähnlich sieht es bei Zeitungen oder im Museum aus. Die Uni aber bleibt die Oase schlechthin.

Wenn das Interesse aber weiterreicht und der Wunsch nach Übernahme auch von fachfremden Aufgaben besteht, dann soll es auch eine Möglichkeit geben in Unternehmen unterzukommen, die laut Hochschulanzeiger nur Wirtschaftler einstellen. Neben der Bereitschaft sich ein neues Fachgebiet, das der Wirtschaftswissenschaft oder ähnliches, in den Grundzügen anzueignen, sollte natürlich eine gute Abschlußnote und ein großes Maß an Schlüsselqualifikationen vorhanden sein. Wenn schon der ursprüngliche Bezug zu Wirtschaftsunternehmen über das Studienfach nicht herzustellen ist, dann müssen den Personalchefs und Verantwortlichen für das Recruting anderweitige Fähigkeiten deutlich gemacht werden. Neben den zahlreichen Schlüsselqualifiaktionen, wie Kommunikationsfähigkeit, Verantwortungsbewußtsein, Kreativität und Eigeninitiative sind Fremdsprachen- und Computerkenntnisse schon vorausgesetzt. Was für die Unternehmen an Geisteswissenschaftlern interessant werden kann, ist die unterschiedliche Denkungsart im Vergleich mit Wiwis oder Juristen. Ein hohes Maß an Abstraktionsvermögen wird in den Führungsetagen der Firmen gebraucht, um Zusammenhänge zu überblicken und auf ihren optimalen Ablauf hin zu überprüfen. Durch die erst langsam entstehende Detailkenntnis bezüglich wirtschaftswissenschaftlicher Fragen, wird das Verlieren in Details fast unmöglich. Dafür garantiert das problemorientierte, kritische Denken von Kulturwissenschaftlern oder Historikern einen größeren Überblick oder auch eine schlicht andere Zugangsweise zu den wirtschaftlichen Problemstellungen. Antworten auf wirtschaftliche Fragestellungen können somit aus einer anderen, sehr hilfreichen Perspektive gegeben werden. Nicht die Fachkenntnisse von Geisteswissenschaftlern sind für die Unternehmen von Interessen, sondern deren Denkweisen und Methoden bei der Lösung von Aufgaben.

Mit dem Bewußtsein um diese Qualifikationen kann man auch den Wirtschaftswissenschaftlern oder Informatikern, den Verfahrenstechnikern oder Ingenieuren bei einer Bewerbung um einen Praktikumsplatz die Stirn bieten.

Denn ‘...auch andere Akademiker wie zum Beispiel Informatiker, Pädagogen, Soziologen, Politologen und Historiker haben inzwischen gute bis sehr gute Chancen in der Wirtschaft als Quereinsteiger. Auch sie finden ihre berufliche Heimat immer häufiger in einem Wirtschaftsunternehmen.’ (zitiert nach Karriere Guide, Verlagsgrupe Handelsblatt, DM- Redaktion, Januar 2000)

Freitag, 12. Mai 2006

Die Wirtschaft und ihre liebe Mühe mit der Komplexität

Also, laut diverser Arbeitsmarkt- und Absolventenanalysen sollen ja Geistes- und Soziawissenschaftler hervorragend mit Komplexität umgehen können. Das trifft sich gut: In der Unternehmenswelt gibt es davon reichlich. Mitarbeiter, die Komplexität auch managen können, gibt es dafür erstaunlich wenige - so jedenfalls der Tenor von Dietrich Dörner, Professor für Theoretische Psychologie, in einem brand-eins-Interview. Ganz nebenbei ist der Artikel eine wunderbares Plädoyer für differenziertes Denken und gegen Patentrezepte und Managementmoden in der Wirtschaft!


Einfach mehr durchwursteln

Wenn es der Führungskraft zu komplex wird, rettet sie sich mit einer Management-Methode. Leider, sagt der Bamberger Psychologe Dietrich Dörner. Er findet: Wer führen will, muss improvisieren können – und das Chaos für andere ordnen.


Text: Interview: Wolf Lotter

brand eins: Herr Dörner, würden Sie folgender Aussage zustimmen: Die meisten Leute leiden heute unter Orientierungsverlust. Es ist alles viel zu kompliziert. Sie wollen eine übersichtlichere Welt.

Dörner: Ja, mit einer Einschränkung: Wenn Sie das „heute“ weglassen. Das war nie wirklich anders. Menschen suchen nach Vereinfachungen, so sind wir angelegt. Wir wollen schnelle Wechsel und Veränderungen nicht mitmachen. Das hat allerdings den Nachteil, dass reduzierende Ideologien entstehen, die die Welt von einem Standpunkt aus erklären – ganz egal, wo Sie hinsehen: in der Politik, in Unternehmen oder sonst wo.

Seit Jahren fordern Experten, dass sich Unternehmen auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren sollen, also die Varianten zu reduzieren. Was ist daran schlecht?


Dass es eben nicht richtig ist, nur das eine oder das andere zu tun. Diese Antwort ist unbefriedigend für die meisten, aber sie entspricht der Realität. Die Gefahr, dass man sich verzettelt oder allzu sehr auf eine Sache konzentriert, ist überall gegeben. Es kann oftmals sehr klug sein, dass man sich ein halbes Jahr nur mit der Lösung einer einzigen Frage beschäftigt. Auch das gehört zum Umgang mit Komplexität. Aber es kann auch klug sein, zu springen.

Es gibt eben bei komplexen Systemen keine festen Maximen. So banal ist es: Manchmal geht man seinen Weg konsequent gerade, und es ist vernünftig, nicht nach links und rechts zu gucken. Und dann wieder geht man spazieren, in aller Ruhe, widmet sich diesem und jenem und sieht natürlich viel mehr Neues.

Da stellt sich die Frage: Wann ist es richtig, was zu tun?

Das ist die zentrale Frage. Und daran scheitern die meisten. Deshalb gibt es etwa in der Wirtschaft die berühmten Patentrezepte. Gelegentlich gehe ich in meiner Buchhandlung in die Management-Literaturecke: Das ist weit unterhaltsamer als das Regal mit den Witzbüchern. Ich kann mich köstlich über die halbjährlich wechselnden Moden amüsieren: Mal ist es die fraktale Fabrik, was bedeutet, dass alles irgendwie fraktal sein muss. Dann ist es das Chaos, was natürlich bedeutet, dass man auch chaotisch managen muss. Dann kommt immer wieder mal die Gruppendynamik und der nicht autoritäre Führungsstil oder das partizipative Lernen und die Organisation von Wissensvermittlungssystemen – kurz und gut: Es ist herrlich!

Überall gibt es Rezeptchen, die als isolierte, allein selig machende Lösungen dargestellt werden. Und alle diese Dinge, das ist der Witz, sind nicht falsch, sie haben ihren Punkt – aber sie sind eben nicht der Punkt an sich. Sie sind nur für eine bestimmte Gelegenheit richtig.

Das klingt jetzt fast so, als ob Sie sich über die armen Menschen, die Orientierung suchen, lustig machen.

Was soll man denn sonst tun? Sehen Sie: Der wirklich gute Manager von Komplexität weiß natürlich, dass jede Maxime stimmt, dass aber auch die Gegenmaxime wert ist, betrachtet zu werden. Man muss eben immer genau hingucken, was man gerade macht.

Manchmal, das wissen gute Komplexitätsmanager auch, ist es vernünftig, gar nichts zu tun. Und dann wieder alle Kraft in eine Sache zu stecken. Es ist in bestimmten Situationen sogar richtig, autoritär zu führen, wirklich diktatorisch. In einer anderen Situation wiederum ist das völlig verrückt. Das ist nun mal die Aufgabe des Managers: die jeweils zur richtigen Zeit richtigen Analysen und Handlungen durchzuführen und Entscheidungen zu treffen und es auch manchmal zu lassen. Was übrigens sehr anstrengend ist, denn auch darüber müssen Sie nachdenken.

Die einzige Regel ist, dass es keine Regel gibt? Das ist nun wirklich äußerst kompliziert.

Wenn man so will, handelt es sich dabei um bedingte Gesetze, nicht um unbedingte, also stets gültige Gesetze. Erst wägen, dann wagen – so macht es meistens Sinn. Andererseits verdankte der Feldherr Napoleon seine Siege dem Motto: „Man fängt mal an, und dann sieht man schon, wie es wird.“ Das ist dann vernünftig, wenn wir wenig Zeit haben, es keine oder nur sehr vage Informationen über eine Situation gibt, wenn also Handlungsbedarf besteht, ohne dass man genügend Informationen hat. Durch dieses Losgehen lernt man und verschafft sich auch Zeit.

Das heißt aber, man muss ein Ziel haben, wissen, was man letztlich will. Zum Beispiel: den Feind schlagen?

Ja und nein – ein festes Ziel kann auch behindern. Wenn Sie in eine Schlacht ziehen wollen, statt sie, was klüger sein könnte, zu vermeiden, können Sie natürlich den Krieg verlieren. Stellen Sie sich vor, Sie spielen Schach und haben dabei folgendes Ziel: Sie streben an, dass der feindliche König in der linken oberen Ecke steht und Sie mit der Dame hier stehen, mit dem Turm da und mit dem Springer dort. Nur leider spielt der Gegner auch mit. Es gibt Milliarden von möglichen Konstellationen. Viel vernünftiger als so ein starres Szenario ist es natürlich, sich dem Spielverlauf des Gegners anzupassen, also das jeweils Richtige zu tun, Zug um Zug. Das ist Anpassung, Adaption. Umgangssprachlich kann man sagen: Mit Durchwursteln kommt man weiter.

Improvisation ist also das Mittel der Wahl, wenn es komplex wird?

So ist es. Improvisiertes Handeln – aus der Situation heraus – ist jeder Vorlage meist bei weitem überlegen. Dabei muss man die Nebenwirkungen im Auge haben, aber die werden klarer, wenn man situationsbezogen handelt, übersichtlicher, wenn Sie so wollen. Sie sind nicht mehr so abstrakt, so schemenhaft. Die Maxime dazu nennt man: Nutze die Gelegenheit. Sei opportunistisch.

Ein guter Manager, ein guter Unternehmer ist ein guter Durchwurstler, der sich an die Situation anpasst?

Ja!

Sind das die Bedingungen, unter denen eine neue Gesellschaft funktioniert?

Da müssen wir erst klären: Wen meinen Sie mit Gesellschaft? Reden wir lieber über Menschen, über den Einzelnen. Man kann nicht jedem zumuten, ständig nach der Maxime „Lass dir immer das Richtige einfallen!“ zu leben, das ist einer der Irrtümer, die wir heute begehen. Es gibt Menschen, die brauchen Richtlinien für ihre Arbeit, die wollen ein geordnetes System vorfinden, und ich finde, darauf haben sie sogar ein gewisses Recht. Wir dürfen nicht alle zu Komplexitätsmanagern erklären, wir können nicht von allen das Gleiche verlangen. Heute dieses, morgen jenes, übermorgen wieder ganz anders – das ist nicht allen zuzumuten. Es bringt unnötige Unruhe in den Betrieb. Ich habe den Eindruck, dass viele Manager ihre Mitarbeiter auf der Suche nach der Lösung von Komplexität vorschicken, und zwar ins Chaos. Was da heute oft praktiziert wird, hat mit Komplexitätsarbeit nichts zu tun. Das ist einfach Sprunghaftigkeit, und viele Führungskräfte sind so.

Woran lässt sich das festmachen?

Sehr oft an Begriffen, die eigentlich nichts bedeuten, aber einen guten Klang haben. Da gibt es diesen – generalisiert – unglaublich dummen Spruch vom lebenslangen Lernen. Was heißt das eigentlich? Ein 50-Jähriger hat nicht mehr das Tempo eines 20-Jährigen, er lernt viel, viel langsamer. Das ist schlicht ein Naturgesetz. Die Fähigkeit, zu lernen und schnell nachzudenken, nimmt mit dem Alter ab. Ältere Menschen sind mehr auf feste Strukturen angewiesen als jüngere. Da kann man keine ständigen Innovationen fordern, im Gegenteil: Hier braucht man einen klaren Rahmen.

Verstehe ich das richtig? Alte sind nicht mehr komplexitätstauglich? Die Menschen in unserem Land werden aber immer älter. Das heißt: Die Verwirrung steigt noch?

Das hängt von uns ab. Wir fordern heute unabhängig von Alter und Fähigkeiten allen das Gleiche ab. Das ist falsch. Ältere Menschen sind nicht einfach Junge, die ein paar Jahre mehr auf dem Buckel haben. Sie können sich Neues nicht so schnell aneignen. Andererseits, das wissen wir auch, nützt einem 20-Jährigen die Fähigkeit, schnell zu denken und Neues aufzunehmen, wenig, wenn er sie nicht mit der Erfahrung, der Expertise erfahrener älterer Menschen verbinden kann. Am besten ist es, wenn die Jungen die Innovation vorantreiben und die Älteren sie beraten, ihnen ihre reiche Erfahrung anbieten. Es mag altmodisch klingen, aber wir brauchen Ältestenräte, die ein ganz wichtiges Korrektiv sind.

Alte und Junge, Schnelle und Langsame, Erfahrene und Neugierige, die müssten näher aneinander rücken?

Das wäre ideal. Übrigens auch für die Macher-Typen in der Politik. Ich habe oft über Gerhard Schröder nachgedacht, dem so eine holzschnittmäßige Sicht der Realität mehr lag. Wie gut hätte es ihm getan, wenn er an seiner Seite jemanden gehabt hätte, der ruhig und besonnen gewesen wäre. Der ihm auch mal gesagt hätte: „Das musst du ganz anders sehen.“ Natürlich müssen sich solche unterschiedlichen Typen mögen, sie müssen einander vertrauen. Das gilt übrigens auch für Führungsetagen. Ein Manager muss, ganz gleich, wie alt er ist, methodisch offen sein und sich selbst in Frage stellen können. Aber was ich nicht möchte: dass wir das von jedem Buchhalter verlangen.

Wer führen will, eine bessere Ausbildung hat, klüger ist als andere, der muss das Chaos für andere ordnen?

Das ist der eigentliche Job. Wobei ich mit dem Wort klüger vorsichtig sein würde. Sehen Sie, es gibt ausgesprochen dämliche Akademiker. Von denen können Sie gelerntes Wissen abfragen, mehr nicht, und diese Entwicklung wird eher schlimmer. Menschen werden nicht klüger, weil man sie in ein bestimmtes System einordnet. Es gibt Bildungspolitiker, die beklagen, dass wir zu wenige Leute an den Universitäten haben, nur 30 Prozent eines Jahrgangs. Es sollten 80 Prozent sein. Aber wozu? Es ist ganz klar, was dann passiert: Wenn man egalisiert, dann immer nach unten. Wir werden lehren müssen, was die dümmsten 10 Prozent von den 80 Prozent gerade noch kapieren. Dadurch sind die besten 5 Prozent gelangweilt und kommen nicht zurecht. Wir werden schlechte Universitäten bekommen und Elite-Universitäten fordern. Die brauchen wir nicht, wenn wir nicht jeden auf die Universität schicken.

Die Universität als Lernstätte statt als Fluchtburg.

Genau. Wir müssen das vorhandene System dafür nutzen, wozu es da ist. Nicht jeder muss studieren. Und schon gar nicht das, was heute angeboten wird: Das alte humboldtsche Bildungsideal war, den Menschen die grundlegenden Fähigkeiten und Kenntnisse beizubringen, sie vor allem das Denken zu lehren. Aber das lässt sich mit der Ausbildung in rezeptartigen Methoden nicht machen, so viel wissen wir heute. Es gibt aber auch ausgesprochen kluge türkische Gemüsehändler. Das ist ein sehr komplexer Beruf. Da müssen Sie früh aufstehen, jeden Tag aus einer großen Menge Ware die richtige aussuchen, und Sie wissen nie genau, was Sie davon verkaufen. Unser Gemüsehändler passt sich deshalb – wenn er gut ist – an, er wird klüger, weil er ständig entscheiden muss.

Lesen, schreiben, rechnen lernen und sich dann intelligent anpassen – reicht das?


Ja. Es geht um die Grundfähigkeit, mit Unbestimmtheiten, mit Neuem umzugehen.

Einige Unternehmen scheinen das durchaus verstanden zu haben. Diversity-Programme sollen die Unterschiedlichkeit der Mitarbeiter betonen. Ist das ein richtiger Schritt?

Ja, aber man muss Acht geben. Denn allein das Beschwören der Vielfalt nützt nichts, schon gar nicht, wenn man standardisierte Richtlinien aufstellt, was Vielfalt ist und was nicht. Gleichheit ist für mich, dass jeder seine Chance kriegt. Die Voraussetzungen müssen gleich sein. Und dazu müssen wir lernen, dass es Ungleichheit gibt und dass das gut so ist.

Wenn man Vielfalt also nicht ernst nimmt und sich in der jeweiligen Situation nicht wirklich mit ihr auseinander setzt, wird aus ihr genau das, was wir jetzt schon kennen: ein Dogma, etwas Starres.

Goldrichtig. Sehen Sie mal, was man heute alles unter Vielfalt versteht: Wir bilden immer mehr Diplom-Pädagogen, Diplom-Kulturwissenschaftler, Diplom-Freizeitberater und weiß der Geier was aus. Das ist irgendwie auch Vielfalt, klar, aber diese Vielfalt kann kaum ein Mensch brauchen. Seien wir also vorsichtig mit allgemeinen Formeln und Schlagworten. Vielfalt an und für sich ist ebenso wenig eine Lösung für alle Probleme wie Einfalt.

Oder nehmen wir das Wort Wissensgesellschaft. Ich mag es nicht. Es führt auf eine falsche Fährte. Es geht nicht um Wissen an sich oder um mehr Wissen. Das ist Quatsch. Es geht um das ständige Neustrukturieren, Verändern von Wissen. Also um ehrliche Arbeit an der Komplexität. --


Dietrich Dörner ist Professor für Theoretische Psychologie an der Universität Bamberg.

Er ist auch einer der meistgelesenen Sachbuchautoren der Republik: Als Klassiker der Komplexitätsforschung gilt sein 1989 erschienenes Buch „Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen“ (als Rowohlt TB für 9,90 Euro).

Dienstag, 2. Mai 2006

Akademische Schöngeister und die Selbstständigkeit

Wohl keine Absolventengruppe der Geisteswissenschaften kommt dem (leider) weitverbreiten Image der verträumten "Schöngeister" näher als die Kunsthistoriker. Doch die Berufsfelder für Absolventen geraten in Bewegung. Wer sagt, dass die Freunde alter Kunst nicht auch in die Selbstständigkeit gehen können? Ein ZEIT-Artikel aus dem Jobbrief (April 2006) zeigt, wie es einigen von ihnen dabei ergangen ist.

Museum war gestern...

... ebenso wie der Traum, in einer Galerie zu arbeiten. Wer Kunstgeschichte studiert hat, sollte sich lieber gleich selbststaendig machen.


Von Sandra Roth

Zurzeit ist die Internet-Seite ihre dringendste Sorge. Ausserdem fehlen noch Flugblaetter und ein guter Steuerberater. Julia Krings schreibt zwar an ihrer Magisterarbeit in Kunstgeschichte, aber meistens sitzt sie nicht in der Bibliothek, sondern kuemmert sich um ihre Zukunft - und die soll "Blickart" heissen.

Julia Krings gruendet eine Agentur, gemeinsam mit drei Kommilitonen. Zusammen wollen sie aussergewoehnliche Kunstfuehrungen anbieten, etwa eine fuer Kindergartenkinder durchs Koelner Museum Ludwig. "Zu riskant", oder "zu aufwaendig", das waren die Standardantworten, wenn Julia Mitstudenten von ihrem Plan erzaehlte. "Aber ich wollte das immer schon machen", sagt die 26-Jaehrige. "Wenn bei einer Fuehrung sechs Knirpse vor mir sitzen und die auf einmal impressionistische Kunst begreifen, auf ihre ganz eigene Art - das ist so schoen, das ist die Muehe wert." Dafuer hat sie im Studium extra einen Schwerpunkt auf Museumspaedagogik gelegt. Fuer sie steht fest: "Wir versuchen das jetzt einfach."

Eine eigene Firma zu gruenden ist nicht gerade der typische Weg fuer Julias Fachgebiet Kunstgeschichte - danach wollen viele in einer Galerie arbeiten oder im Kunsthandel. Ein Drittel der Absolventen arbeitet in der Medienbranche, beim Fernsehen oder in einem Verlag. "Viele traeumen von einem Job im Museum", sagt Julia Krings. "Doch der ist nicht leicht zu kriegen." Den Einstieg dazu findet man mit einem Praktikum, zum Beispiel in der Pressestelle eines Museums. Wer danach einen Werkvertrag bekommt, hat Glueck. Noch mehr hat, wer eines der begehrten Volontariate ergattert. Ans Museum Ludwig haben gerade 100 Bewerber ihre Unterlagen geschickt - ausgeschrieben war eine Volontariatsstelle. Ein Volontaer kann als Kurator Ausstellungen konzipieren und betreuen oder die Pressearbeit unterstuetzen. Auch in Museen und Galerien gilt, was mittlerweile in vielen Berufen Anfaengern das Leben schwer macht: Festanstellungen sind selten, unbefristete sowieso, freie Mitarbeit die Regel. Oft fuehrt der erste Gang eines Kunsthistorikers nach dem Abschluss zum Arbeitsamt.

Schauen und schauen und schauen

Am Ende satteln viele um. Auch Manuel Andrack, der heute Harald Schmidt die Stichworte liefert, hat Kunstgeschichte studiert. "Wer nicht fuer Kunst brennt, der kann nach dem Studium auch keine mehr sehen", sagt Krings mit einem Laecheln. Die Studenten setzen sich Malerei, Skulptur und Architekur auseinander. Wichtig heisst dabei nicht schoen oder haesslich, nicht gute oder schlechte Kunst. Warum ist ein Werk typisch fuer eine Epoche? Oder eben nicht? Wie fassten es die Zeitgenossen auf? Wie wir heute? Wichtige Werke gibt es eine Menge. "Du sitzt im Seminar und schaust und schaust und schaust - man lernt unheimlich viel kennen und verstehen", sagt Krings. Im Hauptstudium kann man Schwerpunkte setzen. Die Wahl der Uni ist dafuer entscheidend. Krings hat mit Mainz, Wien und Bonn drei Hochschulen besucht und festgestellt: "Die Unterschiede sind gewaltig."

Einige Institute beschaeftigen sich eher mit dem Mittelalter, waehrend andere den Fokus auf das 20. Jahrhundert legen. Die Forschung konzentriert sich an der einen Universitaet vor allem auf die Herkunft von Beutekunst, eine andere wiederum ist fuer ihren Schwerpunkt Denkmalpflege bekannt. Nach dem Studium koennen sich die Absolventen mit Aufbaustudiengaengen spezialisieren, etwa auf Kulturmanagement. Aber auch waehrend des Studiums kann man die Richtung schon vorgeben, mit der Wahl der Nebenfaecher. Kunstgeschichte ist typischerweise ein Magisterstudiengang. Das hat sich auch nach der Umstellung auf Bachelor und Master nicht geaendert - im Moment werden erst zwei Bachelorstudiengaenge angeboten, in Marburg und Greifswald, und nur ein Master in Marburg. Die Wahl der Nebenfaecher setzt Akzente: Der Grossteil der Studenten belegt immer noch traditionell Aeltere Geschichte und Philosophie, aber auch Medienwissenschaften, Neuere Geschichte oder Publizistik sind moeglich.

"Heute wuensche ich mir manchmal, ich haette BWL genommen", sagt Julia Krings. Vertraege, Gewerbeanmeldung und die Frage, wer bekommt wie viel von den Einnahmen - das ist alles nicht so einfach. Im April wollen die vier in Koeln loslegen. Sie hoffen, irgendwann davon leben zu koennen. Ein Kunstfuehrer verdient zwischen 150 und 250 Euro die Stunde. Das klingt viel, beinhaltet aber auch die Vorbereitung - "und wir werden wohl nicht zehn Fuehrungen am Tag zum gleichen Thema haben", sagt Krings. "Reich wird man mit Kunstgeschichte nicht - aber man hat ein schoenes Leben."

Mittwoch, 19. April 2006

Über den Martkwert der Geisteswissenschaften

Dass die geisteswissenschaftlichen Studienfächer einen Bereicherung für die Gesellschaft sind, gilt als unbestritten. Versuche, den volkswirtschaftlichen bzw. betriebswirtschatlichen Nutzen der Geisteswissenschaften darzustellen, blieben stets auf halber Strecke stecken und vermochten nicht zu überzeugen. Ein Artikel aus der Frankfurter Rundschau versucht der Frage nachzugehen. Wie so oft müssen die Philosophen als "Vorzeige-Geisteswissenschaftler" ihren Kopf hinhalten. Wie dumm nur, dass Philosophie im engeren Sinne eher als "Sonderfall" Prinzipienwissenschaft gilt; das sollte aber beim Lesen nicht stören :-).


Geist und willig

Die Karrierechancen von Philosophen in der Wirtschaft / Marktwert der Weisheit

Von Elisabeth Oehler

Die Lehre der Weisheit gilt nach wie vor als brotlose Kunst. Wer sie dennoch als Grundausbildung wählt, wird als hoffnungsloser Fall bedauert. Denn außer der Dozentenstelle an einer Hochschule bietet ein Abschluss in Philosophie keine direkte Beschäftigungsmöglichkeit. Trotzdem schließen jährlich rund 400 Studierende ein Hauptfachstudium in Philosophie ab. Dass die Absolventen nicht alle Hochschuldozenten werden können, ist klar. Was aber hat ein Philosoph der Wirtschaft zu bieten? Einiges. Das jedenfalls behaupten Leute wie Matthias Rath, Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Obwohl: "Als Philosoph werden Sie für einen lebenspraktischen Idioten gehalten, der zwar viel weiß, aber nicht mit Messer und Gabel essen kann", beschreibt Rath seine Erfahrungen mit Firmenvertretern. Er liefert für die Vorurteile gegenüber seiner Zunft auch eine Erklärung: "Philosophie ist keine Handlungsdisziplin wie Betriebswirtschaft oder Jura, sondern eine Erkenntnisdisziplin." Anstelle praktischer Fähigkeiten verfüge ein Philosoph über analytisches Können, das auf dem Arbeitsmarkt lange nicht gefragt gewesen sei.

Das habe sich aber inzwischen geändert, sagt Rath. Weil die Unternehmer bemerkten, "dass sie nicht mehr auf der Insel der Seligen wohnen". Jeden Morgen komme "die moralische Infragestellung ökonomischen Handelns durch die Werkstore und Bürotüren in die Unternehmen", so der 43-jährige Philosophieprofessor.

Matthias Rath war mehrere Jahre für verschiedene Großkonzerne tätig, bevor er 1996 den Ruf an die PH Ludwigsburg annahm. Beim Bertelsmann-Konzern in Gütersloh hat er das Referat für medienpolitische und medienethische Grundsatzfragen aufgebaut, bevor er 1995 Manager für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (PR) des Bertelsmann-Buchverlags in München wurde. Mit der Philosophie erwerbe man sich eine "Lizenz zum Sicheinmischen". Die sei in den so genannten weichen Unternehmens-Abteilungen wie Personal, PR, Kommunikation und Marketing durchaus gefragt.

Dass Philosophen dennoch selten in Wirtschaftsunternehmen zu finden sind, habe verschiedene Gründe. Viele Absolventen der "Königsdisziplin der Wissenschaften" hielten es nach wie vor für anstößig, ihre Profession zu vermarkten. Bei den anderen herrsche das Vorurteil, dass sie keinerlei für die Wirtschaft nützliche Fähigkeiten hätten.

Cyrus Achouri empfindet diese verbreitete Selbsteinschätzung unter Philosophen als alarmierend. Der 33-Jährige hat 1998 sein Philosophiestudium mit Promotion abgeschlossen und arbeitet inzwischen als Personalentwickler bei der Siemens AG in München. Er ist zuständig für die Planung einer strategischen Mitarbeiterförderung durch gezielte Weiterbildung. "Im Philosophiestudium sitzen viele hochmotivierte Leute, die strukturiert denken können, hervorragend analysieren und gut mit Sprache umgehen können. Das Problem ist nur: Niemand weiß das. Klappern gehört aber zum Handwerk. Und wer meint, das sei verpönt, hat es schwer."

Achouri warnt seine Fachkollegen vor Wirtschaftsfeindlichkeit. Wer Angebote verweigere, dürfe sich auch nicht wundern, wenn keine Nachfrage bestehe. Die Philosophie sei "vom Aussterben bedroht", meint der Personalentwickler. Der massive Abbau von philosophischen Lehrstühlen in Deutschland habe damit zu tun, dass Philosophen sich in der Regel nicht darstellen, "verkaufen" könnten, ja dies ausdrücklich gar nicht wollten. Wo aber, wenn nicht in der Wirtschaft, soll die Mehrzahl der Philosophieabsolventen ihre Brötchen verdienen?

Bei vielen Philosophie-Studenten, die sich um ihren Berufseinstieg kümmern müssten, funktioniere der "Verdrängungsmechanismus" perfekt, sagt die Akademikerberaterin Beate Hentschel-Schroeder vom Arbeitsamt in Stuttgart. Die Folge: eine durchschnittliche Studiendauer von 13,5 Semestern und ein Berufsteinstiegsalter von 31 Jahren. Für einen Start in der Wirtschaft jedoch viel zu spät, warnen Matthias Rath und Beate HentschelSchroeder einstimmig. Ihr Rat: Schon frühzeitig im Studium die Fühler nach Firmen ausstrecken und sich betriebswirtschaftliches Denken aneignen.

Dass Philosophen tatsächlich in der Wirtschaft Fuß fassen, zeigt der Fall von Markus Käbisch. Der 34-Jährige hat Philosophie, Musikwissenschaft und Theologie in Leipzig studiert und arbeitet mittlerweile als Unternehmensberater bei der Siemens Management Consulting in München. "Ich glaube, die haben meine argumentativen und kommunikativen Fähigkeiten geschätzt. Im Philosophiestudium lernt man eben, einen Standpunkt zu verteidigen. Das können Ingenieure oder Naturwissenschaftler in der Regel nicht so gut." In der Wirtschaft rein philosophisch arbeiten zu können, sei allerdings eine Illusion, erklärt der Leipziger: "Wir Philosophen haben nicht nur für die gute Laune im Team zu sorgen. Wir müssen Aufgaben wie Kostenrechnungen übernehmen. Eben alles, was andere auch machen."

• Links:

www.information-philosophie.de

www.diaa.de: Dachverband der Initiativen der Akademiker und Arbeitswelt

www.philos.de/Institutionen/PhilosophieJobs.html: Studienführer Philosophie

www.anstoesse.de

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